ak - analyse & kritik Die Autonomen auf dem Weg ins 21. Jahrhundert
vom 04.05.1995
Peter Nowak
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Die Autonomen auf dem Weg ins 21. Jahrhundert
 
 Die Szene ließ sich die Gelegenheit zum autonomen Familientreffen nicht entgehen. Die über 3.000 TeilnehmerInnen wollten vor allem ihre autonome Identität pflegen. Statt einer gemeinsamen Perspektivdebatte wurde der Kongreß ein autonomer Jahrmarkt, auf dem TierrechtlerInnen, HomöopathInnen, Männerbewegte, HausbesetzerInnen, WagenburgbewohnerInnen und KollektivwirtschaftlerInnen ihre Thesen vorstellten. Als Erfolgskriterium wurde auf dem Abschlußplenum die harmonische Stimmung mit Applaus gefeiert, die es in den drei Tagen ermöglicht hatte, die unterschiedlichen Ansätze unter einem Dach zu verbinden.
 Die verschiedenen tatsächlichen oder vermeintlichen Widersprüche und Unterdrückungsverhältnisse in der Gesellschaft wurden in Workshops und Arbeitsgruppen thematisiert. Doch über die Beschreibung dieser Unterdrückung kam mensch kaum hinaus. Nur in wenigen Arbeitsgruppen wurde über Gesellschaftsanalyse gesprochen. Zwar wird theoretische Arbeit, anders als in den 80er Jahren, nicht mehr per se denunziert: Der autonome Mainstream setzt aber nach wie vor auf das Primat der eigenen Erfahrung gegenüber theoretischen Erkenntnissen und bestreitet die Existenz einer objektiven Realität. »Objektivität ist Terror« war dann auch der vielbeklatschte Slogan eines Referenten in einer gutbesuchten Arbeitsgruppe. »Wahrheit« ist nach dieser Lesart, was ein Kollektiv oder eine Gruppe zur Wahrheit erklärt, und das sei einer ständigen Änderung unterworfen. Den vermeintlich Undogmatischen scheint dabei entgangen zu sein, daß diese Setzung einer Wahrheit durch Gruppen oder Kollektive ein zutiefst autoritärer Akt ist. Allen, die nicht zu dieser Gruppe gehören, muß dann notfalls die »Wahrheit« aufgezwungen werden. Im Mittelalter war die katholische Kirche jahrhundertelang auf diese Weise wahrheitssetzend tätig. Für das Erkennen einer objektiven Wahrheit hingegen zählt ganz undogmatisch nur das bessere Argument.
 Der Austausch von Argumenten für diese oder jene Position war auf dem Kongreß verpönt und hätte die oben beschriebene Harmonie gestört. Wenn es wirklich zu gravierenden, inhaltlichen Differenzen kam, z.B. über das Menschenbild der VeganerInnen (Menschen, die keinerlei von Tieren stammende Nahrung zu sich nehmen; Anm. ak), wurde mit dem Hinweis: »das ist eben deine und das ist unsere Wahrheit« jeder Auseinandersetzung der Boden entzogen.
 Folgerichtig ist im autonomen Diskurs der Begriff »Revolution« noch nebulöser als früher und wird zunehmend abgelehnt. Die gesellschaftliche Umwälzung wird zwar gefühlsmäßig noch als richtig und wichtig befunden. Doch was die Einzelnen darunter verstehen, bewegt sich häufig auf der Ebene grüner Realpolitik. Für die Eine ist es »Kampf den Autos«, für die Andere ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Tier, die Dritte verbindet damit Werte, wie soziale Gerechtigkeit, keine Kriege, mehr Umweltschutz.
 Gerade weil sich diese Forderungen inhaltlich durchaus in grün-alternativer und neuerdings auch PDS-Programmatik wiederfinden, ist die Abgrenzung von diesem Spektrum ungebrochen. Oft wird sie mit der durchaus richtigen Einschätzung verbunden, die reformistischen Parteien würden die Autonomen nur aufsaugen und integrieren wollen. Allerdings wird meist nicht hinterfragt, was denn so schlimm daran ist, wenn diese Forderungen integriert werden können.
 Die Angst vor reformistischer Hegemonie verhindert auch die notwendige Diskussion darüber, wie politische Teilziele heute in einem breiten Bündnis mit ReformistInnen durchgesetzt werden können. In einer von ca. 80 Personen besuchten Arbeitsgruppe der nicht-autonomen Berliner Broschürengruppe kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen den Gralshütern autonomer Schlagwörter und GenossInnen, die sich über die Durchsetzung reformistischer Teilziele bei Beibehaltung einer revolutionären Strategie Gedanken gemacht hatten. Der Broschürengruppe wurde Reformismus vorgeworfen, weil sie das autonome Dogma von der »Zerschlagung des Knastsystems« hinterfragte und darauf hinwies, daß unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen die Abschaffung aller Knäste nicht nur nicht möglich, sondern auch nicht wünschenswert sei. Am gleichen Tag war in der Kongreßzeitung »KonPreß« der Beitrag einer autonomen Frauen- und Lesbengruppe kommentarlos zu lesen, der dazu aufrief, Druck auf die brasilianische Justiz zu machen, um die Verurteilung eines mehrfachen Frauenmörders zu erreichen. Ein weiteres typisches Beispiel: Einerseits wurde auf der Veranstaltung das autonome Dogma des Wahlboykotts hochgehalten, andererseits am Rande über die autonome Kommunalwahlliste FNEP aus Rüsselsheim debattiert, die ein Jahr lang in der hessischen Stadt eine CDU-Oberbürgermeisterin unterstützte.
 Die Abschlußaktion bedeutete den Höhepunkt des autonomen Symbolismus. Wenige Tage vor dem Kongreß hatten nach Staatsschutzangaben mehrere Berliner Autonome versucht, den im Bau befindlichen Abschiebeknast in Berlin-Grünau in die Luft zu sprengen. Bei der unmittelbaren Tatvorbereitung sollen sie entdeckt worden sein. Seitdem hat der Staatsschutz mehrere Wohnungen durchsucht und drei Genossen zur Fahndung ausgeschrieben. Ein politisches Verhalten des Autonomiekongresses dazu wurde für notwendig erachtet. Heraus kam neben einer Geldsammlung für die Gesuchten allerdings nur reiner Symbolismus: eine überdimensionale Pappmaché-Rakete, die auf der Abschlußdemonstration mitgeführt wurde, ging mit lautem Knall vor dem Abschiebeknast in die Luft. Hier überlagerte der Happening-Charakter der Aktion die inhaltlichen Fragen, wie die Bewegung mit dem Repressionsversuch gegen Genossen umgeht und wie eine politische Bewegung gegen Abschiebeknäste in Gang gesetzt werden kann.
 Nicht nur das Raketen-Happening weckte Erinnerungen an den legendären Tunix-Kongreß, wo sich im Januar 1978 an der TU-Westberlin über 20.000 Menschen trafen. Es war der Höhepunkt der Spontibewegung, die sich bald in diverse alternative und grüne Listen aufgliederte. Das Sponti-Organ Pflasterstrand zog damals folgendes Resümee über Tunix: »So aber kamen etwa 20.000, die haben zwar nix gefunden, die wußten aber, warum sie es suchen«. Die 3.000 TeilnehmerInnen des Autonomiekongresses suchten nicht mehr das Gemeinsame.
 Wie sieht die Zukunft der Autonomen aus? Ein Teil wird mit den Resten der Alternativbewegung verschmelzen. Trotzdem wäre es kurzschlüssig, die Autonomen nun für tot zu erklären, wie die Spontis nach Tunix. Eher ist zu erwarten, daß die autonome Bewegung durchaus auch das 21. Jahrhundert erlebt. In einem von altautonomen Theoretikern der Frankfurter l.u.p.u.s.-Gruppe vor kurzem veröffentlichten Buch wurde ein Kritikpapier abgedruckt, das mit den Unverbindlichkeiten und Fehlern autonomer Politik abrechnet, vom vollständigen Scheitern autonomer Strategien spricht und deren baldiges Ende vorhersagt. Doch der Text ist fast neun Jahre alt und wurde für die Libertären Tage 1987 geschrieben. Er würde mühelos als aktueller Beitrag durchgehen. Eine Bewegung, die neun Jahre nach ihrem vermeintlichen Scheitern noch einen Kongreß mit 3.000 Personen veranstaltet, wird auch noch fünf Jahre länger existieren.

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