ND vom 14.10.05»Nicht mehr in der Sesamstraße«
In der privaten Zustellerbranche werden aktive Gewerkschafter gemobbt
Von Peter Nowak
Bei den Zustelldiensten kann von Krise keine Rede sein. Das Ende des
Postmonopols wird von vielen gefeiert, private Logistiker boomen. Doch sehen
sich Mitarbeiter zuweilen in die Sklaverei zurück- versetzt. »Willkommen auf
der Galeere«, heißt es etwa auf einer Internetseite, auf der sich
Beschäftigte des Paketzusteller United Parcel Service (UPS) in sechs
Sprachen über die Arbeitsbedingungen beim führenden Zusteller austauschen.
Ob bei UPS ...
Gleich an mehreren Standorten in Deutschland befindet sich UPS im Clinch mit
Gewerkschaftern. In Ditzingen bei Stuttgart werden aktive Gewerkschaftler
schon seit Jahren mit Klagen überzogen. Der Betriebsrat Mahmut Gemili wurde
sogar von einem Detektiv bespitzelt, um Gründe für seine Entlassung zu
finden. Zuvor war UPS mit dem Versuch gescheitert, Gemili und seinen
Betriebsratskollegen Süleyman Ugur zu entlassen.
Diese Dauerfehde geht am 19. Oktober in eine neue juristische Runde. Dann
wird vor dem Landesarbeitsgericht Stuttgart abermals über die Amtsenthebung
des Betriebsrats verhandelt. Auch Beschäftigte anderer UPS-Standorte klagen
über Mobbing der Betriebsleitung gegen Gewerkschafter.
»Mit der Ankunft des Herrn Herrgesell war es mit der hart erkämpften
relativen Ruhe bei uns vorbei«, schreiben etwa Beschäftige von
UPS-Gustavsburg im Internet. Betriebsratsarbeit gelte als Freizeit und werde
nicht mehr bezahlt. Das widerspreche zwar dem Betriebsverfassungsgesetz.
Doch UPS-Manager Martin Herrgestell antwortet auf Kritik: »Wir sind nicht
mehr in der Sesamstraße.« Nach Angaben von Mitarbeitern sei Martin
Herrgestell federführend für ein Flugblatt verantwortlich, mit dem
Teamleader, Manager, Supervisoren und einige Beschäftigte in der UPS-Filiale
gegen den Betriebsrat mobilisierten.
UPS-Mann Herrgestell scheint auf den Kampf gegen die Gewerkschaften
spezialisiert. Bevor er in die UPS-Filiale Gustavsburg kam, hatte er sich in
Ditzingen gegen Belegschaftsvertreter profiliert.
... oder bei TNT
UPS ist nicht das einzige Unternehmen in der Branche, das Front gegen
Gewerkschafter macht. Auch bei dem Riesen TNT werden diese befehdet: In der
Wiesbadener TNT-Filiale wurde Betriebsratsmitglied Gaetano Oreste gleich von
mehreren Detekteien während einer Krankmeldung bespitzelt. Obwohl eine
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlag, habe der Arbeitgeber - trotz
angeblicher Zweifel hieran - keine medizinische Nachuntersuchung
eingefordert, kritisiert Detlev Borowsky von ver.di Hessen. »Es geht nicht
darum, ein eventuelles Fehlverhalten zu sanktionieren, sondern darum, aktive
Betriebsratsmitglieder aus dem Betriebsrat zu drängen. Ansonsten hätte TNT
bestimmt keine Detektei für 12 000 Euro eingeschaltet, sondern über den
Medizinischen Dienst der Krankenkasse eine kostenlose Nachuntersuchung
veranlasst«, schreibt Borowsky im verdi-Pressedienst.
Am 7.Dezember soll in dieser Angelegenheit weiter vor dem Arbeitsgericht
verhandelt werden. Dann wird ein Zeuge befragt, der angeblich schon im
Vorfeld von der Krankheit des Betriebsrates gewusst haben will. Ver.di
befürchtet, dass hier gezielt zur Falschaussage angestiftet werden soll und
kündigt schon mal vorsorglich eine Strafanzeige an.

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