TAZ vom 23.7.05Frische linke Schnipsel

PETER NOWAK

Gerade abgedreht: die neue Ausgabe des Video-Magazins "ak-kraak". Was einst
reiner Politaktivismus war, übt sich heute schon mal in Selbstironie
VON PETER NOWAK
Langsam steigt die Frau die kleine Treppe zum See hinunter und blickt in die
untergehende Sonne, die sich im Wasser spiegelt. Bedächtig und in langsamen
Bildern entwickelt auch der Film ihr Schicksal. Ein Nazi-Ehepaar adoptierte
sie als Kleinkind, ihre Mutter war im KZ ermordet worden, nachdem ein
Gericht sie als "Asoziale" diffamiert hatte. Nach dem Krieg kämpfte die
Tochter jahrzehntelang um die Anerkennung ihrer Mutter als Nazi-Opfer. Dass
der Begriff "asozial" schon wieder zum Alltagsvokabular gehört, damit kann
sie sich nicht abfinden.
"Die Akte meiner Mutter" heißt das beeindruckende Feature, es ist Teil der
neuesten Ausgabe von "ak-kraak". Hinter dem ungewöhnlichen Namen des
Videomagazins verbirgt sich ein linkes Medienkollektiv - "ak" steht für
"Aktuelle Kamera", die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, "kraak" kommt
von "kraaken" - dem holländischen Wort für das, was Hausbesetzer tun. Beides
verweist auf die Anfänge der Gruppe in den Hochzeiten der Ostberliner
BesetzerInnenbewegung. Nach mehr als zwei Jahren Pause macht die aktuelle
Folge der ak-kraak-Videocollage - die 24. - deutlich, wie sehr sich die
Arbeit der FilmemacherInnen verändert hat.
Im kurzen Sommer der Anarchie zu Wendezeiten war es das Anliegen von
ak-kraak, politische Ereignisse möglichst authentisch und schnell in der
Szene zu verbreiten. In erster Linie ging es dabei um die Message, erst
danach um die künstlerische Verarbeitung. Dabei begegnete die politische
Szene den AmateurfilmerInnen auch mit Misstrauen: "Der Schlachtruf
,Kameramann Arschloch' wurde auch uns aus Demos entgegengerufen", erinnert
sich ein ak-kraaker der ersten Stunde.
15 Jahre später werden auf manchen Demonstrationen mehr Kameras als
Transparente gehalten, die meisten Aktionen kann man schon Stunden später
als Videostream aus dem Internet laden. Dass die Leute von ak-kraak
PionierInnen des Videoaktivismus waren, war in der Anfangszeit keineswegs
absehbar. "Damals waren die Vorführungen in diversen Kneipen in besetzten
Häusern immer ein Abenteuer. Manchmal streikten die Geräte, oder es gab
Alarm, weil Polizei aufgefahren war oder Neonazis in der Nähe gesichtet
wurden", erinnert sich der kraak-Veteran.
Ganz vorbei sind diese wilden Zeiten auch heute noch nicht, das belegt die
neue ak-kraak-Folge. Eine bundesweite Aktion zum Erhalt von Wagenburgen in
Hamburg und die Räumung des Berliner Hausprojekts Yorck 59 nehmen breiten
Raum ein. Aber selbst diese aktivistischen Schnipsel unterscheiden sich von
den Beiträgen aus der Pionierzeit. Zwar werden auch heute Polizeiübergriffe
akribisch dokumentiert. Doch der Kurzfilm zur Yorckstraße wird mit einer
fiktiven Szene eingeleitet, in der sich ein Polizist vor einer Psychologin
ausweint, weil er wegen seiner Beteiligung an der Räumung in eine Sinnkrise
geraten ist.
Eine Perle absurder Filmkunst ist der Beitrag über den schwullesbischen CSD
im bayerischen Wallfahrtsort Altötting. Was zunächst nach bloßer
Denunziation bigotter Marienverehrung aussieht, bekommt plötzlich einen
selbstironischen Touch, wenn Männer in bayerischer Tracht auftreten und ein
älterer Passant belustigt kommentiert: "Das sind keine Bauern, das sind
Schwule aus der Stadt."
Ob das Publikum auf die 25. Folge wieder zwei Jahre warten muss, will
Kirsten Wagenschein von ak-kraak nicht verraten. Die aktuelle, 80-minütige
Ausgabe kann man jedenfalls problemlos öfter ansehen, ohne sich zu
langweilen.
Nächste Vorführung: 26. Juli, 20 Uhr, Villa Felix, Schreinerstraße 47. Als
DVD oder VHS kann der Film für 12,50 ? über
akkraak@riseup.net bestellt
werden. Mehr Informationen gibt es auf
http://akkraak.squat.net/.

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