Taz vom 10..6.05Ganz legal schwarzfahren
BesitzerInnen von BVG-Umweltkarten können zu bestimmten Zeiten kostenlos
Fahrgäste mitnehmen - nur kaum jemand weiß es bisher. Die Kampagne "Für ein
Recht auf Mobilität" will das ändern. Unterstützt wird sie auch von DGB und
der Diakonie
Auf dem Button sind zwei lustigen Bären zu sehen. Das größere Tier trägt das
Kleinere am Rücken. Darunter steht der Schriftzug "Ich nehm dich mit!".
Buttons mit diesem Motiv tauchen in letzter Zeit häufiger bei Gästen von BVG
und S-Bahn auf. Was wollen die TrägerInnen mitteilen? Wer nachfragt,
erfährt: Die ButtonträgerInnen wollen anderen Fahrgästen signalisieren, dass
sie im Besitz einer Umweltkarte der BVG sind - und noch MitfahrerInnen
suchen.
Sie haben nämlich das Kleingedruckte auf ihrem Ticket genau studiert. Daher
wissen sie, dass auf jeder Umweltkarte wochentags ab 20 Uhr, an Wochenenden
und Feiertagen sogar ganztägig, neben dem Besitzer ein Erwachsener und drei
Kinder kostenlos mitfahren können.
Darauf will die Kampagne "Für ein Recht auf Mobilität" in den kommenden
Wochen verstärkt hinweisen. Sie hat die Buttons mit den lustigen Bären sowie
vierseitige Informationsflyer produziert. AktivistInnen verteilen sie seit
Mai in der Nähe von häufig besuchten S- und U-Bahnen.
Erste Reaktionen haben deutlich gemacht, dass längst nicht alle Fahrgäste
das Kleingedruckte so genau studiert haben. Manche Besucher an den
Informationsständen der Initiative waren skeptisch und wollten sich bei der
BVG erkundigen, ob die Informationen auch korrekt sind.
Die Sorge ist unnötig - und bei den Verkehrsbetrieben ist man über die in
vergangener Zeit gehäuften Nachfragen eher verwundert. "Die Informationen
auf den Flyer sind völlig richtig", bestätigte ein Mitarbeiter des
BVG-Kundenservice. Eine gesonderte Information der BVG darüber hält er nicht
für nötig. Schließlich brauche man nur die Beförderungsbedingungen
studieren.
Die Kampagne "Für ein Recht auf Mobilität" versteht sich allerdings nicht
als ehrenamtlichen Dienstleister der BVG, sondern als soziale Initiative,
die sich für mehr Mobilitätsgerechtigkeit einsetzt. "Mobilität ist eine
öffentliche Angelegenheit, die nicht der Profitlogik des Marktes überlassen
werden darf", lautet das Credo der Initiative, die vom Berliner Sozialforum,
Attac Berlin und der antikapitalistischen Aktion (akab) getragen wird. Zu
den Forderungen an den Senat gehört die Senkung des Preises für das
Sozialticket auf zehn Euro sowie die kostenlose Mitnahme von Kindern und
Fahrrädern in Bussen und Bahnen.
Dafür werden neben sozialen auch ökologische Gründe angeführt. "Die Politik
muss endlich ihr Versprechen einlösen und den öffentlichen Verkehr
attraktiver machen, damit Autofahrer auf Busse und Bahnen umsteigen", meint
ein Mitglied der Mobilitätskampagne. Neben diesen Forderungen propagiert die
Kampagne mit der Aktion "Ich nehm' dich mit" eine völlig legale Möglichkeit,
sich schon jetzt billig im Berliner Nahverkehr zu bewegen. Unterstützt wird
die Kampagne mittlerweile auch vom Berliner DGB und der Berliner Diakonie.
"Mit dieser Aktion wird einkommensschwachen Personen unmittelbar geholfen,
denn sie sind nach der Preiserhöhung des Sozialtickets stark in ihrer
Mobilität eingeschränkt. Deshalb begrüßen wir ausdrücklich die Aktion der
Berliner Initiativen", sagten der DGB-Bezirksvorsitzende Dieter Scholz und
die Diakoniedirektorin Susanne Kahl-Passoth in einer gemeinsamen Erklärung.
Peter Nowak
Das nächste Öffentlichkeitsaktion der Kampagne "Ich nehm dich mit" findet am
Samstag um 12 Uhr statt. Treffpunkt ist vor dem Eingang von Kaiser's am
Kottbuser Tor.

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