Taz am 6.7.05 Digitalisieren geht über Studieren
An der FU soll im Herbst eine neue Verwaltungs-Software eingeführt werden:
Kurse können dann online gebucht, Scheine digital übermittelt werden.
Individuelle Bedürfnisse der Studierenden kämen dann zu kurz, kritisiert der
Asta
Sie gehören zu den nervigsten Stunden des Semesters: die schier endlosen
Wartereien im Vorzimmer von DozentInnen, die den wichtigen Schein noch immer
nicht ausgefüllt oder eine Hausarbeit trotz vieler Anrufe nicht bewertet
haben. Ähnlich aufreibend ist das bange Ausharren, ob man in dem
gewünschten, aber sehr begehrten Sprachkurs noch Platz findet. Probleme
dieser Art könnten an der Freien Universität (FU) Berlin bald der
Vergangenheit angehören. Dort soll zum Wintersemester eine neue
Studienverwaltungssoftware der Firma SAP eingeführt werden. Danach wird die
Scheinvergabe ebenso online verlaufen wie die Abgabe und Benotung von
Hausarbeiten und die Eintragung in die Teilnahmelisten.
Die Reform war nötig geworden, weil die Einführung der neuen Studiengänge
mit den Bachelor- und Masterabschlüssen die bisherige Software - und mehr
noch die UniversitätsmitarbeiterInnen - zunehmend überforderte. Die
FU-Verwaltung setzt große Hoffnungen in die neue Software und hat extra eine
Info-Hotline gestartet. Sowohl die Studierenden als auch das Personal würden
davon profitieren, ist die Botschaft, die dort vermittelt wird. Und auf der
Webseite, auf der die neue Software vorgestellt wird, heißt es, das Programm
garantiere den Studierenden eine flexible und ortsunabhängige Organisation
des Studiums und fördere die Eigenverantwortlichkeit der Kommilitonen. "Sie
können sich für ihre Module, Prüfungen und Lehrveranstaltungen online
anmelden und sich jederzeit über ihren individuellen Leistungsstand
informieren."
Trotzdem regt sich Protest an der Uni: Das StudentInnenparlament hat am 14.
Juni die Einführung der neuen Software abgelehnt und die Aussetzung der
bisherigen Vorbereitungen gefordert. Alles nur Nörgeleien von
TechnikgegnerInnen? Mitnichten, betont der Referent für
Studienangelegenheiten im Asta der FU, David Gutzmann. "Der Beschluss wurde
mit großer Mehrheit von allen studentischen Gruppen außer dem RCDS
verfasst." Gutzmann glaubt zwar, dass die neue Software sicher manche
Erleichterungen im Unialltag bringen werde. Doch er möchte auch über die
Nachteile reden, die die schöne neue Computerwelt den Studierenden bringen
kann. "Die im Rahmen des Projekts geplanten universitätsweit einheitlichen
Fristen für die Abgabe von Hausarbeiten, die Anmeldung zu
Lehrveranstaltungen und Prüfungen schränken die studentische
Entscheidungsfreiheit enorm ein", befürchtet er. Bisher habe man mit den
DozentInnen noch darüber verhandeln können, ob man an einem vollen, aber
gerade dringend benötigten Kurs teilnehmen kann. Jetzt setze die Software
die Fakten. Genauso sei es mit dem Abgabeterminen für Hausarbeiten. "Auf die
individuellen Bedürfnisse der Studierenden wird da keine Rücksicht mehr
genommen", kritisiert auch die Hochschulreferentin des FU-Asta, Jenny Simon.
Eine Mitarbeiterin des Campus-Managements, das seit Monaten an der
Einführung der Software arbeitet, sieht sich als falschen Adressaten der
Kritik. "Mit der Software werden nur gesetzliche Vorgaben umgesetzt." Dem
stimmt Jenny Simon ausdrücklich zu. "Nicht die Software, sondern die mit der
Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse verbundenen neoliberalen
Vorgaben in der Bildungspolitik sind das Problem." Doch mit der Einführung
der Software werden die Folgen für die StudentInnen spürbar. Deshalb müsse
vor der Einführung über die Vor- und Nachteile diskutiert werden. Doch
bisher seien die Vorbereitungen unter Ausschluss der KommilitonInnen
gelaufen, kritisieren die StudentenvertreterInnen. Das soll sich jetzt
ändern. PETER NOWAK

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