TAZ vom  25.8.05Lagerfeuerromantik des Widerstands
Studierende aus ganz Deutschland campen eine Woche lang in Heiligensee und
diskutieren über Protestformen
Schmucke Einfamilienhäuser säumen die Straßen zwischen dem Tegeler Forst und
dem Ufer des Heiligensees. Die Welt scheint in Ordnung im hohen Norden
Berlins. Die gelben Plakate an einigen Laternenpfählen fallen in einer
solchen Umgebung besonders auf. Die zwei Palmen darauf vermitteln den
Eindruck, hier würde zu einer Stranddisco eingeladen. Erst auf dem zweiten
Blick liest man, dass hier der Weg zum "bundesweiten Summercamp of
Resistance" gewiesen werden soll.
Mitten in dieser Idylle zelten seit Montag etwa 80 Studierende aus dem
ganzen Land. Sie diskutieren darüber, wie die jüngsten Proteste an Schulen
und Universitäten gegen Kürzungen in der Bildungspolitik "auf den breiteren
gesamtgesellschaftlichen Kontext ausgeweitet werden können", wie es auf der
Website der Organisatoren heißt.
Entsprechende umfangreich und weit gefächert präsentiert sich das - selbst
organisierte - Programm für die Campwoche, die noch bis Samstag dauert: Die
Themenpalette reicht von Rechtshilfeinformationen über einen Vortrag zu
rechten Traditionen bei der Bundeswehr bis zu geplanten Protestaktionen
gegen die Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr. Den im engeren Sinne
hochschulpolitischen Themen widmen sich Veranstaltungen und Workshops zum
neoliberalen Umbau der Hochschulen, der Rolle des Bertelsmann-Konzerns in
der Hochschulpolitik und dem Widerstand gegen Elitebildung.
Doch ausgerechnet die Beteiligung aus Berlin ist mau, wie Kommilitonen aus
Wuppertal, Köln, Bochum und Dortmund enttäuscht feststellen mussten. Der
Grund: Die jüngste Welle von Studentenprotesten ist gerade zwei Semester
vorbei. Da ist es schwer, die Hauptstadtstudierenden mitten im Sommer zum
Campen nach Heiligensee zu locken, räumen Mitglieder der Vorbereitungsgruppe
ein.
Die AktivistInnen aus Nordrhein-Westfalen haben schon Erfahrung mit dem
Protestcampen. Unmittelbar nach dem dortigen Wahlerfolg der CDU wurden an
mehreren Hochschulen des Bundeslandes mitten auf dem Campus die Zelte
aufgebaut. "Wir wollten gegenüber der neuen Regierung ein Signal setzen,
dass mit uns die im Wahlkampf angekündigten Studiengebühren nicht so ohne
weiteres durchzusetzen sind", erklärten Bochumer AktivistInnen. Jetzt wollen
sie ihre Erfahrungen anderen Studierenden vermitteln und sich vernetzen.
Die PolitcamperInnen planen außerdem, aktiv in den aktuellen Wahlkampf
einzugreifen. Die KandidatInnen nicht nur der Oppositionsparteien sollen bei
ihren Auftritten mit den studentischen Forderungen konfrontiert werden.
Zum Abschluss wird am Samstagnachmittag eine Demonstration vom U-Bahnhof
Yorckstraße durch Kreuzberg ziehen. Deren Motto "Das Leben ist kein Ponyhof"
hat bei allen lustigen Assoziationen einen ernsten Hintergrund. Es erinnert
an die vergeblichen Versuche, das Protestcamp auf dem Mariannenplatz im
Zentrums Kreuzbergs zu organisieren. Nach wochenlangen Verhandlungen mit dem
Bezirksamt hieß es, dass der Platz schon anderweitig vergeben sei. Den
ProtestcamperInnen wurde ein Ponyhof am Rande von Kreuzberg als
Ausweichquartier offeriert. Da entschied sich die Vorbereitungsgruppe lieber
für Heiligensee.
Inzwischen arbeiten einige CamperInnen bereits an ihrem Andenken für die
Nachwelt. "Der Summer of Resistance darf nicht so schnell vergessen werden,
weshalb ein Objekt hinterlassen wird. Das ,Denkmal' soll oder kann ein Ort
zum Nachdenken sein oder anregen", heißt es etwas kryptisch in dem Programm.
Zumindest die Gegend um den Heiligensee könnte ein solches Nachdenkmal nur
gut tun. Peter Nowak
Infos zum Camp unter:
www.summerofresistance.de

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