Frankfurter Rundschau vom 8.11.05Die Grenzen des Humors
Springer geht gerichtlich gegen einen Werbespot der taz vor
VON PETER NOWAK
Der Springerkonzern und die taz waren von Anfang an in einer Art Hassliebe
miteinander verbunden. Doch in den letzten Jahren schien sich das Verhältnis
zwischen den beiden ungleichen Pressehäusern entspannt zu haben. Eine
taz-Jubiläumsausgabe durfte sogar ein Springer-Chefredakteur mitgestalten.
Selbst als die taz eine Initiative zur Umbenennung der Kochstraße, an der
die Redaktionen von Springer und taz angesiedelt sind, in
Rudi-Dutschke-Straße auf den Weg gebracht hatte, wollte man das ausdrücklich
als Akt der Versöhnung begriffen wissen.
Doch jetzt könnten sich die Springer und taz vor Gericht wieder treffen. Der
Grund ist ein Kinospot, mit dem die taz seit einigen Wochen für sich wirbt.
Der Inhalt des Filmes ist schnell erzählt. Ein Bild-Leser verlangt am Kiosk:
"Kalle, gib mal die Zeitung". Der Kioskbesitzer händigt ihm daraufhin zum
Scherz die taz statt seiner Bild aus. "Was ist das denn", fragt daraufhin
der Bild-Leser sichtlich angeekelt. Am nächsten Tag kommt er allerdings
erneut zum Kiosk und verlangt "Gib' mir mal die taz." Zunächst Schweigen am
Kiosk. Der Spot endet mit dem Slogan: "taz ist nicht für jeden. Das ist OK
so."
Das ist sicher eine Art von Humor, der gewöhnungsbedürftig sein mag. Doch
die Justitiare aus dem Hause Springer machen daraus eine Rechtsfrage. Bei
dem Spot handelt es sich nach ihrer Ansicht um eine "Rufausbeutung der Marke
Bild" und um "unzulässige vergleichende Werbung". Außerdem sehen sie darin
eine Verunglimpfung ihrer Leser. Bis zum 31. Oktober sollte sich die taz
schriftlich verpflichten, den Werbespot nicht mehr zu zeigen. Weil dieser
Stichtag ohne Unterlassungserklärung verstrichen ist, haben die
Springer-Anwälte jetzt beim Hamburger Landgericht eine Einstweilige
Verfügung gegen die taz erwirkt.
Taz-Werbeleiter Willy Vogelpohl sieht der Klage gelassen entgegen. Er
betont, dass es nicht die Intention war, den Springerkonzern zu ärgern,
sondern mit einen Werbespot Interesse für das Produkt zu wecken. Das scheint
gelungen. Die Zugriffe auf die Internetausgabe der taz, auf der der
Werbefilm bis Samstag zu sehen war, sind merklich gestiegen. "In der Branche
hat man viel Spaß", so Vogelpohl. Zumal die Produkte aus dem Hause Springer
gemeinhin auch nicht als humorfrei gelten. "Für Humor sind wir immer offen,
aber irgendwo hört der Spaß auf", erklärt Tobias Fröhlich von der
Presseabteilung des Springerkonzerns.

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