ND vom 16.12.05Hoffnung auf neue Kontakte
Die Linke vor dem Sozialforum in Athen
Von Peter Nowak
Für die meisten hier zu Lande ist die griechische Linke ein weißer Fleck.
Das war nicht immer so. In Westdeutschland löste etwa die griechische
Militärdiktatur in den 70er Jahren eine enorme Solidaritätswelle aus. Doch
danach erlosch in weiten Teilen der Linken das Interesse. Allenfalls in den
Medien erfuhr man, dass die größten europäischen Demos gegen die Kriege in
Jugoslawien und Irak in Griechenland stattfanden.
Gemeinsame Gegner
Tatsächlich ist der Kampf gegen die Politik der USA und gegen die NATO das
einigende Band einer ziemlich fraktionierten griechischen Linken. Die
Kommunistische Partei (KKE) ist mit knapp fünf Prozent der Stimmen bei den
letzten Parlamentswahlen geschrumpft. Die KKE und ihre Bündnispartner waren
an der Mobilisierung gegen Irak- und Jugoslawienkrieg beteiligt. Außerhalb
ihres eigenen Bündnisspektrums wird die Partei wegen ihrer hierarchischen
Struktur und ihres Alleinvertretungsanspruchs aber immer wieder kritisiert.
Eine Kooperation mit anderen Linken gibt es kaum. Ein Wahlbündnis mit den
Eurokommunisten ist schon vor mehr als 15 Jahren zerbrochen.
Letztere haben in einem Bündnis unter der Bezeichnung Syn (Koalition der
linken Bewegungen und der Ökologie) zuletzt knapp über drei Prozent der
Wählerstimmen erreicht und sind nun mit sechs Abgeordneten im Parlament
vertreten. Dem Bündnis gehören neben der eurokommunistischen Synaspismos,
linken Sozialdemokraten auch Vertreter von Attac an. Aus diesen Spektrum
kommt auch die stärkste Unterstützung für die Europäischen Sozialforen,
während die KKE zu solchen »klassenübergreifenden« Projekten lieber auf
Distanz bleibt. Syn gehört auch zu den Begründern der von der KKE heftig
bekämpften Partei der Europäischen Linken.
Mitunter handgreiflich
Während sich in der Syn all jene Linken sammeln, denen die KKE zu
traditionell und hierarchisch ist, werden beide Formationen von der
radikalen Linken als reformistisch abgelehnt. Immerhin gibt es zwischen
deren verzweigtem Spektrum und der Syn gelegentliche Zweckbündnisse. Dagegen
kann das Verhältnis zwischen griechischen Linksradikalen und der KKE getrost
als feindlich bezeichnet werden. Auf Demos kommt es zwischen KKE-Ordnern und
Anarchisten gelegentlich sogar zu körperlichen Auseinandersetzungen.
Daneben haben zwei linke Strömungen vor einigen Jahren auch international
für Aufsehen gesorgt. Die trotzkistische SEK ist mit der britischen SWP und
Linksruck liiert. Die operaistische Neue Linke Strömung (NAR) machte vor ein
paar Jahren Versuche, aus dem engen linken Zirkelwesen auszubrechen.
Allerdings hat die Organisation in der letzten Zeit an Einfluss verloren.
Mit der »Bewegung des 17. November« gab es in Griechenland zudem eine auch
in der Linken sehr umstrittene bewaffnete Gruppe. Durch eine
Verhaftungsaktion im Jahr 2002 wurde diese Organisation allerdings
zerschlagen. Die Verfahren sind noch nicht abgeschlossen.
Seit dem EU-Gipfel von Thessaloniki im Sommer 2003 gibt es wieder Hoffnung
auf neue Kontakte zwischen deutschen und griechischen Linken. Erste
Bündnisse hatten bereits Erfolg: Im Mai 2005 haben Antifaschisten aus
Deutschland und Griechenland einen deutschen Soldatenfriedhof auf Kreta
besetzt und so eine Gedenkfeier von Wehrmachtsangehörigen verhindert.

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