ND vom 27.10.05 Schweiz: »Vorwärts« nicht mehr »Organ«
Von Peter Nowak
Der Schweizer Vorwärts kann von sich rühmen, die kleinste der Schweizer
Zeitungen zu sein. Die Zeitung kann man bequem falten und in die Hosentasche
stecken. Der Titel wird in Deutschland wahrscheinlich sofort an ein
SPD-Organ gleichen Namens erinnern. Tatsächlich haben beide Zeitungen die
gleichen Wurzeln in der Sozialdemokratie der Jahrhundertwende. Während in
Deutschland der Vorwärts nach der Spaltung zum sozialdemokratischen
Parteiorgan wurde, wurde er in der Schweiz vom linken Flügel, der sich
später zur kommunistischen Partei entwickelte, übernommen. In den letzten
Jahrzehnten war er Zentralorgan der Partei der Arbeit (PdA), den Schweizer
Kommunisten. Anfang der 90er Jahre wurde daraus eine sozialistische
Wochenzeitung.
Seit Oktober kommt die Wochenzeitung mit dem Zusatz »Neue Folge« heraus. Der
Vorwärts soll jetzt zu einem Forum einer breiten linken Bewegung in der
Schweiz werden. »Weil wir überzeugt sind, dass diese Bewegung auch in der
Schweiz ein Potenzial hat, haben wir unsere Tore geöffnet. Weil wir
überzeugt sind, dass die Diskussionen zwischen den verschiedenen Strömungen
und Komponenten dieser Linken die Basis für mehr gemeinsames Handeln ist,
haben wir unsere Gefäße angepasst«, schreibt die Vorwärts-Redaktion zum
Relaunch. Schon auf der Titelseite macht sich die Veränderung bemerkbar. Wo
bisher kurze Ausschnitte aus dem PdA-Programm zu finden waren, sollen
künftig Positionen aus der breiten antikapitalistischen Linken zu finden
sein. »Eignet Euch den Vorwärts an«, lautet der Aufruf der Redaktion an die
Schweizer Linke.
Die Öffnung hat einen längeren Vorlauf. Schon heute geht der Einfluss des
Vorwärts weit über die Grenzen der PdA hinaus. Der Vorwärts ist bei vielen
Debatten in der Schweizer Linken präsent, ob es sich um die alljährlichen
Proteste gegen das Weltökonomieforum (WEF) handelt, um die
Antiglobalisierungsbewegung oder die Gewerkschaftslinke. Diese Position will
der Vorwärts jetzt ausbauen. Denn gerade in der letzten Zeit hat sich die
Zersplitterung der Linken wieder bemerkbar gemacht. Weil die Genfer Linke
mit zwei getrennten Listen zur Kantonswahl angetreten ist, wird sie im
künftigen Parlament nicht mehr vertreten sein. Beide Listen scheitern knapp
an der dort gültigen Sieben-Prozent-Klausel. »Die Dümmste Linke der Welt hat
ihre Niederlage selbst verschuldet«, schreibt der Vorwärts. Künftig will er
mehr Hilfe zur Selbstaufklärung leisten.
www.pda.ch

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