Telepolis vom 25.11.05"Schluss mit Bild"
Peter Nowak

Wie Bild noch einmal über seine Gegner siegt
Wer in diesen Tagen mit offenen Augen durch die Innenstädte geht,
könnte im ersten Augenblick denken, die Anti-Springer-Kampagne wäre
plötzlich wieder zu neuem Leben erwacht. Lest keine Bildzeitung (1),
heißt es da in großen Buchstaben auf Webetafeln oder "Bild muss weg".
Zwei Motive geben sich radikaler, als es die meisten Bildkritiker je
waren. Da ist unter dem Motto "Schluss mit Bild" eine Bombe
einmontiert. Auf dem Plakat mit dem Schriftzug "Zerstört Bild"
zerschlägt eine Faust das Bild-Logo. Die Plakat-Motive tragen die Namen
von Phantasieorganisationen wie "Bund der Doping-Sportler", "Bund der
Sozial-Schmarotzer", "Bund der Preistreiber oder "Bund der
Benzin-Abzocker".
Schnell erkennt man, dass hier keine neue Anti-Bild-Kampagne begonnen
hat. Selbst die Ausrede, hier habe ein alter Alt-68er die Seiten
gewechselt und diene jetzt die alten Sprüche dem Hause Springer an,
zieht nicht. Nein, hier handelt es sich nur um die neuesten Ideen der
Hamburger Werbeagentur Jung von Matt (2), die schon seit Jahren für
Bild arbeitet und für so geistreiche Wortspiele wie "Bum-Bum-Boris"
über ein ehemaliges deutsches Tennisidol verantwortlich zeichnet.
Zuletzt fiel die Werbeagentur mit der Kampagne "Du bist Deutschland"
auf ( Auch er war leider schon mal Deutschland... (3)).
Es sei darum gegangen, eine Werbekampagne zu entwickeln, die nicht in
30 Sekunden vergessen wird, begründete (4) Oliver Voss von der
Werbeagentur Jung von Matt die Anleihe aus der Mottenkiste der
Bild-Gegner und spricht von einem "doppelten Aufmerksamkeits-Effekt",
weil man - wohl im Gegensatz zu den normalen Bild-Inhalten, zweimal
hinschauen müsse, um zu verstehen. Vor allem die Bild-Gegner werden die
Plakate so schnell nicht vergessen. Schließlich nimmt Bild mit der
Plakat-Serie noch einmal Rache an seinen schon lange besiegten Gegnern.
Schließlich gilt es als hoffnungslos altmodisch, heute noch gegen Bild
zu wettern.
Wer, außer vielleicht dem notorischen Günther Wallraff (5) outet sich
denn heute in der Öffentlichkeit noch als bekennender Bild-Gegner? In
den vergangenen Jahren haben sich dagegen nicht wenige gestandene Linke
als bekennender Bildleser bekannt. Die Zahl der Politiker, die der
Bildzeitung ein Interview verweigern, dürften an einer Hand abzuzählen
sein. Bild-Kolumnen wie die Post von Wagner (6) genießen mancherorts
Kultstatus (7) und bieten auch immer wieder Stoff auch für das liberale
Feuilleton, wo die Bildzeitung noch vor einem Jahrzehnt nicht mal als
Toilettenpapier durchgegangen wäre.
Aber hat sich Bild wirklich so stark verändert, wie häufig behauptet
wird? Die aktuelle Werbekampagne zumindest lässt daran gehörig
zweifeln. Schließlich bezeichnete man im Hause Springer auch schon vor
mehr als 30 Jahren Kritiker als Gammler, Radikalinskis oder
Drogenabhängige. Zum Dopingsportler oder Sozialschmarotzer ist es also
nur ein kleiner Schritt. Nur wird das, was damals Anlass für Proteste
und Empörung geboten hatte, heute als besonders frecher und schräger
Werbegag gefeiert.

LINKS

(1)
http://focus.msn.de/hps/fol/article/article.htm?id=18039&interface=galer
ie
(2)
http://www.jvm.de/
(3) http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21419/1.html
(4) http://focus.msn.de/hps/fol/newsausgabe/newsausgabe.htm?id=21835
(5) http://www.guenter-wallraff.com/bildimmerwieder.html
(6) http://www.bild.t-online.de/BTO/news/2005/01/03/wagner/wagner.html
(7) http://fjw.blogg.de/

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