TAZ vom 7.4.05Ankunft VerhaftungSandra Bakutz
Die Festnahme einer Wiener Radiojournalistin in der Türkei sorgt für
internationale Proteste
Eigentlich hatte Sandra Bakutz nur einen kurzen Aufenthalt geplant, als sie
am 10. Februar nach Istanbul aufbrach. Doch daraus wurden über sechs Wochen.
Bakutz kam erst am vergangenen Donnerstag wieder in ihrer Heimatstadt Wien
an. Die unplanmäßige Verlängerung war unfreiwillig. Denn Bakutz war nach
ihrer Ankunft am Istanbuler Flughafen verhaftet worden.
Die türkischen Behörden warfen der für das Wiener freie Radio Orange
arbeitenden Frau Unterstützung der in der Türkei verbotenen linken DHKP/C
(Revolutionäre Volksbefreiungspartei/Front) vor. Herbert Gnauer vom Vorstand
des Radios bezeichnete diese Beschuldigung als fadenscheinig. Er kenne
Bakutz als Menschenrechtlerin, die die Situation der politischen Gefangenen
in der Türkei immer wieder thematisierte. Auch am 10. Februar wollte sie
einen Prozess besuchen, in dem sich türkische JournalistInnen und
KünstlerInnen wegen angeblicher Unterstützung einer terroristischen
Organisation verantworten mussten. Bakutz wollte darüber einen Radiobeitrag
produzieren.
Auch die Organisation Reporter ohne Grenzen und das journalistische Netzwerk
International Press Institute (IPI) haben gegen Bakutz' Verhaftung
protestiert und ihre sofortige Freilassung verlangt. Für ihre Freilassung
setzte sich auch das österreichische Außenministerium ein. Der Druck zeigte
Wirkung. Am Donnerstag wurde Bakutz freigelassen und kurz darauf
abgeschoben. Offiziell geht ihr Verfahren weiter. Für Mitte Juni ist ein
neuer Gerichtstermin festgesetzt. Allerdings kann sie nicht belangt werden,
wenn sie nicht wieder in die Türkei kommt.
BeobachterInnen gehen davon aus, dass Bakutz' Verhaftung genau diesem Ziel
diente. Schließlich haben in den letzten Jahren immer wieder engagierte
JournalistInnen und MenschenrechtlerInnen die politischen Prozesse in der
Türkei beobachtet und darüber in ihren Ländern berichtet. Das schaffte der
in die EU strebenden Türkei unerwünschte Schlagzeilen.
Im Fall Sandra Bakutz hat die Einschüchterung nicht gewirkt. Zu ihren
Verfahren reisten Delegationen aus verschiedenen europäischen Ländern ein.
Auch JournalistInnenorganisationen waren vertreten. Bakutz will sich weiter
für die Menschenrechte in der Türkei engagieren, selbst wenn sie das Land
nicht mehr betreten kann. In einem Brief aus dem Gefängnis schrieb sie: "Ich
möchte nun aufrufen, dass sich die Augen der internationalen Öffentlichkeit
weiter auf die Türkei und auf die Umstände hier richten, damit das Schweigen
zu der Situation in den Gefängnissen endlich ein Ende nimmt." Für die
zahlreichen linken JournalistInnen mit türkischem Pass gibt es wohl kaum die
Möglichkeit auf eine so schnelle Freilassung. PETER NOWAK

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