ND vom 12.11.05Samsung-Proteste: Wir bleiben standhaft
Gewerkschaft und Geschäftsführung wollen auch Vorschläge des Betriebsrates
verhandeln
Von Peter Nowak
Zum Jahresende soll das Samsung-Werk in Oberschöneweide schließen und die
Produktion nach Ungarn verlagert werden. Zwischen 700 und 800 Arbeitsplätze
würden nach Gewerkschaftsangaben dann wegfallen. Doch die Kollegen des
Bildröhrenwerkes denken noch längst nicht ans Aufgeben. Das wurde in den
letzten Tagen deutlich. Auf einer zweitägigen Betriebsversammlung wurden
neue Protestaktionen beschlossen.
Am Freitagmittag bekundeten Gewerkschaftler aus anderen Berliner Betrieben
auf einer kämpferischen Versammlung vor den Werkstoren den Arbeitern von
Samsung ihre Solidarität. Doch es blieb nicht nur bei schönen Worten. So
machte Hans Köbrich vom Vertrauensleute-Ausschuss der Berliner IG-Metall den
Vorschlag, eine Anti-Reklame-Aktion gegen Samsung zu starten.
Schließlich wirbt das Unternehmen auf riesigen Werbeflächen in der
Innenstadt mit dem Spruch: »Die Firma schätzt zutiefst die menschliche Würde
und die Werte der Mitarbeiter«. Dieser Aktionsvorschlag wurde von mehreren
hundert Mitarbeitern mit viel Applaus bedacht. Auch zahlreiche Schüler der
umliegenden Gymnasien hatten sich der Kundgebung spontan angeschlossen.
Am nächsten Dienstag wollen die Samsung-Beschäftigten mit einem Autokorso
von Oberschöneweide zum IG-Metall-Gebäude in Mitte fahren. Dort sollen um 10
Uhr die Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft und der Geschäftsleitung von
Samsung wieder aufgenommen werden. Dabei sollen auch die Rechenmodelle des
Samsung-Betriebsrates beraten werden, wie die geplante Schließung vermieden
werden kann. Aus Sicht der Geschäftsführung haben jedoch alle bisherigen
Berechnungen ergeben, »dass sich die Fortführung der Produktion nicht
rechnen kann«.
Die Gewerkschafter machten am Freitag deutlich, dass die Verhandlungen von
weiteren Aktionen begleitet sein werden. Mehrere Gewerkschafter haben in
ihren Grußbotschaften auf der Kundgebung deutlich gemacht, dass auch
koordinierte Streikmaßnahmen nicht mehr ausgeschlossen werden dürfen.
Bisher sind viel zu viele Betriebe ohne Gegenwehr abgewickelt worden, sagten
die Redner. Das sich die Belegschaft von Samsung wehrt, hat längst über
Berlin hinaus Aufmerksamkeit erregt. Auch in Südkorea, wo die
Konzernzentrale ihren Sitz hat, haben Arbeiter einer Samsung-Filiale
Solidaritätsaktionen gestartet.
In den nächsten Tagen soll auch in Berlin die Basis noch einmal verbreitert
werden. So wollen sich am 23. November zahlreiche Künstler an einem
Benefizkonzert für die Belegschaft beteiligen.

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