ND vom 17.6.05 Stammtischniveau im Seminar
Professor spaltet mit seiner Rassen-Theorie die Humboldt-Universität
Von Peter Nowak
Wo beginnt Rassismus? Diese Frage beschäftigt uns nicht nur im politischen
Alltag, wenn ein Politiker mal wieder eine berühmt-berüchtigte
Stammtisch-Rede gehalten hat. Auch auf der wissenschaftlichen Ebene gibt es
immer wieder Streit um diese Frage. An der Berliner Humboldt-Universität
schlagen die Wogen zur Zeit hoch.
Ausgangspunkt war ein gemeinsames Seminar der Bereiche Biologie, Philosophie
und der Gender Studies, in dem der Biologie-Professor Dr. Andreas Elepfandt
das Konzept von Menschenrassen verteidigte. Auf kritische Nachfragen von
Studierenden habe er betont, sowohl Rassen als auch der Rassismus hätten
eine »genetische Komponente«. Es gebe zwischen 3 und 200 Menschenrassen. Die
genaue Anzahl sei in der Biologie strittig. Außerdem habe Professor
Elepfandt auf Studien in den USA verwiesen, die von einem
Intelligenzunterschied zwischen Menschen mit schwarzer und weißer Hautfarbe
hinweisen.
Das berichten Studierende verschiedener Fachbereiche, die daraufhin eine
»Arbeitsgruppe gegen Rassismus« gegründet haben. Neben Flugblättern, in
denen die Konstruktion von Menschenrassen zurückwiesen wird, haben sie
kürzlich eine gut besuchte Veranstaltung an der Humboldt-Universität
organisiert. Unter dem Motto »Zur Aktualität rassistischer Konzepte«
stellten sich die Medizinsoziologin Heidrun Kaupen-Haas und der Biologe
Ulrich Kattmann der kontroversen, aber sachlichen Debatte. Beide sprachen
Rassekonstruktionen jeglichen wissenschaftlichen Gehalt ab. Für Kattmann
sind anthropologische Rasseklassifikationen nicht naturwissenschaftlich
fundiert, sondern entspringen Alltagsvorstellungen und sozialpsychologischen
Bedürfnissen, die Wissenschaftler mit anderen Menschen ihrer jeweiligen
Gesellschaften teilen.
Um diese Veranstaltung gab es schon im Vorfeld universitätsintern heftigen
Streit, berichten Mitglieder der studentischen Antirassismus-AG. So sollte
die Debatte ursprünglich im Institut für Biologie stattfinden, was aber vom
Dekan untersagt worden sei. Er habe den Eindruck, dass die Kritik an den
Rassismuskonzepten als Beleidigung empfunden werde, erklärte ein
studentischer Antirassist gegenüber ND.
In einer von Professoren der biologischen, der philosophischen Fakultät und
dem Fachbereich Gender Studies unterschriebenen Erklärung wird der
Rassismusvorwurf gegen Professor Elepfandt vehement zurück gewiesen. Der
Streit wird im Wesentlichen mit unterschiedlichen Rassedefinitionen bei den
Natur- und den Kulturwissenschaftlern erklärt. Eine Diskussion kontroverser
Fragen dürfe nicht zu »falschen Anschuldigungen, politisierenden
Zuschreibungen und öffentlichen Attacken« werden, heißt es in der Erklärung.
Die studentische Antirassismus-AG hat in einer Erwiderung betont, »dass es
zum Stil sachlicher universitärer Arbeit gehört, wenn Studierende aus guten
Gründen Kritik an Lehrenden üben, wenn sie eine wissenschaftliche
Veranstaltung planen und eine verantwortungsvolle, aktuelle Lehre
einfordern.« Mittlerweile hat der Streit den universitären Raum verlassen.
Auf Grund der ersten Presseberichte hat ein Potsdamer Bürger Anzeige wegen
Volksverhetzung gegen den Biologieprofessor Elepfandt erstattet.

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [1999] [2000] [2001] [2002] [2003] [2004] [2005]