Telepolis vom 21.04.05Islamistischer Piratensender
Peter Nowak
Mit dem Relaunch von Radio Scharia wollen die Taliban wieder im Medienkrieg mitspielen
Die Taliban sind zurück - zumindest im Äther. Erstmals seit ihrem Sturz im Jahr 2001 hat sich am vergangenen Mittwoch Radio Scharia wieder aus Afghanistan gemeldet (1). Vor allem im Süden des Landes, wo die Kämpfe zwischen versprengten Islamisten und der US-Armee noch immer im Gange sind, ist die mobile Sendestation zweimal täglich eine Stunde zu hören.
Allerdings ist unklar, wie viele Menschen den Sender tatsächlich empfangen können. Schließlich ist die Reichweite eines mobilen Senders nicht besonders groß. Für die Taliban im Untergrund ist die Wiederaufnahme des Senders auch aus historischen Gründen ein Prestigeprojekt. Unter dem Namen Radio Scharia hatten die Taliban zwischen 1996 und 2001 ihre radikalislamische Propaganda verbreitet. Daran knüpft der neue Taliban-Rundfunk nahtlos an. Gleich am ersten Tag wurde eine Erklärung des untergetauchten Talibanführers Mullah Omar gesendet, in der er zum Kampf gegen die US-Armee und ihre Helfer aufgerufen hat. Der afghanische Präsident Hamid Karsai wurde als US-Marionette angegriffen. Wie in alten Zeiten dürfen auch im Radio-Taliban-Relaunch islamische Gebete und Koranlesungen nicht fehlen.
Doch sicherlich geht es dem islamistischen Piratensender nicht in erster Linie um die afghanischen Hörer. Schließlich ist in dem bitterarmen Land die Anzahl der Radioempfänger begrenzt. Der Start des Radio-Programms ist in erster Linie ein Signal an die Außenwelt und besonders an die USA. Die schon häufig totgesagten Taliban wollen demonstrieren, dass mit ihnen noch zu rechnen ist. "Mit der Sendung haben wir bewiesen, dass die Taliban stark und organisiert sind", wird der Taliban-Sprecher Abdul Latif Hakimi in der englischsprachigen pakistanischen Zeitung The News (2) zitiert. In Wirklichkeit sagt die Inbetriebnahme des Senders über die militärische Stärke oder Schwäche der Radikalislamisten wenig aus. Vielmehr machen die immer lediglich als mittelalterliche Technikfeinde beschriebenen Taliban wieder einmal deutlich, dass sie sehr wohl die Bedeutung moderner Medien erkannt haben und im Medienkrieg mitspielen wollen. Schon während ihrer Herrschaft haben die Taliban zwar den Empfang von Fernsehprogramm streng verboten, das Radio aber als Propagandainstrument benutzt. Auch damals hatten sie schon das Ausland im Blick. So wurden täglich 30 Minuten Taliban-News in englischer Sprache gesendet.
Den afghanischen Oppositionellen war der Islam-Sender aus verständlichen Gründen verhasst. So hatte die demokratische afghanische Frauenorganisation Rawa (3) im Sommer 2001 eine Kampagne unter dem Motto Radio Scharia dem Strom abdrehen (4) gestartet. Die Bedeutung des Mediums wurde auch von den Kriegesgegnern der Taliban erkannt. Der Krieg gegen die Taliban war für die USA auch ein Medienkrieg (5). Das US-Militär hatte am Beginn des Angriffs auf das Taliban-Regimes große Mühe darauf verwendet, Radio Scharia frühzeitig auszuschalten (6). Über den Erfolg gibt es unterschiedliche Versionen. Als der Krieg noch im Gange war, erklärte die Taliban-Führung wiederholt, Radio Scharia sei trotz schwerer Bombardierung weiterhin auf Sendung. Schon damals bediente man sich der mobilen Sendestationen, die man auch jetzt wieder verwendet.

LINKS

(1) http://www.dailytimes.com.pk/default.asp?page=story_19-4-2005_pg7_42
(2) http://news.quickfound.net/intl/pakistan_news_index.html
(3) http://www.rawa.org
(4) http://www.rawa.org/sharia_de.htm
(5) http://www.telepolis.de/r4/artikel/9/9858/1.html
(6) http://www.taz.de/pt/2001/11/01/a0149.nf/text

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