ND vom 11.11.05Psychiater vor Gericht
EuGH stärkt Patientenrechte nach Arztfehlern
Von Peter Nowak
Wieder einmal hat der Europäische Gerichtshof (EuGH)gegen deutsche Gerichte
Gerichte entschieden. Diesmal zu Gunsten der Patientenrechte.
»Eine Frau kämpft um Gerechtigkeit«, heißt es auf der Homepage von Tanja
Afflerbach. Das hört sich pathetisch an, ist es aber nicht. Die ehemalige
Kunst- und Pädagogikstudentin aus Siegen bereitet einen Schadenersatzprozess
wegen ärztlichen Kunstfehlern vor, und zwar gegen Psychiater. »Da sind die
Chancen schlecht. Wer in der psychiatrischen Klinik war, gilt schnell als
geisteskrank und unglaubwürdig«, weiß Matthias Seibt von den
»Psychiatrieerfahrenen Nordrhein-Westfalen«.
Die rund zehn Jahre dauernde Klinik-Odyssee begann für Afflerbach nach einem
durch einen Autounfall hervorgerufenen Schleudertrauma. Die Ärzte
diagnostizierten eine Psychose und verabreichten Neuroleptika. Seitdem
leidet die 36-Jährige an extremer Lichtempfindlichkeit und Nervenschmerzen
am ganzen Körper. Ein Gutachter bescheinigte ihr, nie psychisch krank
gewesen zu sein und dass ihre Leiden von den Nebenwirkungen der Medikamente
stammen, die ihr gegen die nicht existierende Krankheit verabreicht wurden.
Deshalb fordert Afflerbach jetzt Schmerzensgeld und Schadenersatz von den
verantwortlichen Psychiatern. Schließlich musste sie wegen der falschen
Behandlung ihr Studium abrechen und lebt heute von Sozialhilfe.
Die Erfolgschancen für ihre Klage sind gestiegen, seit der EuGH für
Menschenrechte unlängst einer Psychiatriepatientin einen Schadenersatz von
75 000 Euro zugesprochen hat (Az.: 61603/00 vom 16.06.2005). Diese Frau,
Vera Stein, war als Jugendliche vom Vater in die Psychiatrie eingewiesen
worden - wegen einer vermeintlichen Psychose. Auch volljährig durfte sie die
Psychiatrie nicht verlassen, wurde an Heizung oder Bett gefesselt und bekam
zwangsweise Medikamente verabreicht, wie sie in zwei Büchern berichtete.
Seit 1994 wurde ihr mehrfach gutachterlich bestätigt, nie an einer Psychose
oder an einer Schizophrenie gelitten zu haben. Es folgte ein zehnjähriger
Kampf vor Gerichten. In mehreren Instanzen wurden ihre Forderungen
abgelehnt. Das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof nahmen
ihren Fall erst gar nicht an. Erst nach Ausschöpfung aller juristischen
Mittel konnte Stein vor dem EuGH klagen, der ihr die Entschädigung
zugesprochen hat. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Psychiatriekritische Organisationen begrüßen die Entscheidung als Stärkung
der Patientenrechte. Der Gericht hat betont, dass Stein immer gegen die
Behandlung Widerstand geleistet hat.

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