ND vom 30.12.05Selbstermächtigung?
Bilanz des »wilden« Opel-Streiks 2004
Von Peter Nowak
Der sechstägige Streik im Bochumer Opelwerk hat im Oktober 2004 für Aufsehen
gesorgt. Schließlich werden auch in Teilen der Linken Arbeitskämpfe als
Ereignisse aus einer anderen Zeit angesehen. Willi Hajek und Jochen Gester
gehören zur kleinen Gruppe linker Gewerkschafter, die die Arbeiterklasse
nicht rechts liegen gelassen haben. Aber ihre langjährige Basisarbeit
verhindert auch, dass sie das Proletariat verklären. Ihr Buch hat davon
profitiert. Sie interviewen Bochumer Streikaktivisten aus verschiedenen
Generationen.
Dabei gehen die Gespräche weit über die Streikereignisse hinaus. Ältere
erinnern sich noch an die späten 70er Jahre, als linke Gewerkschafter zu
Chaoten und Terroristenfreunden gestempelt wurden. Daran waren nicht nur
konservative Medien, sondern auch sozialdemokratische
Gewerkschaftsfunktionäre beteiligt.
Besonders verdächtig waren Kollegen, die von der Universität in den Betrieb
gegangen sind. Wolfgang Schaumburg gehörte dazu. Der Theologiestudent ging
als Maoist an die Opel-Werkbank und kehrte nicht nach wenigen Jahren an die
Uni zurück. Er wurde einer der Köpfe der linken Kollegengruppe »Gegenwehr
ohne Grenzen« (GoG). Viele der Interviewpartner kommen aus diesem Kreis.
Wer bei den »sechs Tagen der Selbstermächtigung«, wie die Herausgeber den
Streik nennen, sprühenden historischen Optimismus erwartet, wird enttäuscht
sein. Im Gegenteil: es gibt kaum einen Gesprächspartner, der ein gutes Wort
für die IG Metall findet. Der GoG-Aktive Manfred Strobel, der nach 28
Opel-Jahren einen Aufhebungsvertrag unterschrieben und ein Studium begonnen
hat, nennt die Gewerkschaften einen »Bewusstseinsverhinderungsapparat« und
propagiert den Massenaustritt. Wenn er auch zugibt, keine Alternative zu
haben. Es sind die klugen Fragen des Interviews, die diese Haltung als Frust
eines Enttäuschten kenntlich machen. Schließlich hat die Gewerkschaftsspitze
den Streik nicht unterstützt, sondern auf ein schnelles Ende gedrängt.
Auch die Ergebnisse werden unterschiedlich interpretiert. Für die IG Metall
wurden respektable Abfindungen erzielt. Für viele GoGler war es aber eine
Niederlage. »Arbeitest du noch oder zählst du schon?« war das geflügelte
Wort, als in der Belegschaft über die Abfindungen diskutiert wurde. Danach
war an eine Fortsetzung der Kampfmaßnahmen nicht mehr zu denken. Doch viele
Interviewte räumen ein, dass das Ergebnis kein Diktat war, sondern in der
Belegschaft auf Zustimmung stieß.
Eingerahmt sind die Gespräche von einer knappen Geschichte der gar nicht so
seltenen »wilden Streiks« in Westdeutschland und einigen Überlegungen zum
Kampf gegen Werkschließungen des Bochumer Arbeiterintellektuellen Robert
Schlosser. Wenn man sich bei den Interviews auch manchmal etwas mehr
inhaltliche Präzision gewünscht hätte, ist das Buch doch sehr
empfehlenswert.
Jochen Gester / Willi Hajek (Hg.): Sechs Tage der Selbstermächtigung. Der
Streik bei Opel in Bochum Oktober 2004. Berlin, 2005, 226 Seiten, 10 Euro.

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