Taz vom 3.3.05 Das Studium des Freiraums
Seit über einem Jahr bietet die Offene Uni den unterschiedlichsten
Initiativen Raum. Doch das im letzten Unistreik entstandene Projekt ist
bedroht. Die Leitung der Humboldt-Universität will die Basisgruppen
umsetzen. Die aber hängen an ihrem Haus
VON PETER NOWAK
"OUBS" steht in großen Lettern auf dem Transparent über dem Eingang. Es ist
von Wind und Wetter leicht gegerbt. Drinnen rufen politische Plakate zum
Widerstand gegen alte und neue Nazis, die Atomlobby, Hartz IV und andere
Bösartigkeiten dieser Welt auf. Nur an der Toilettentür findet sich Platz
für die unmittelbaren Bedürfnisse: "Wer putzt, trägt sich hier ein". Das
Gebäude im Schatten des Charité-Turms strahlt den Charme besetzter Häuser
von Anfang der 80er- oder 90er-Jahre aus. So ganz falsch ist der Eindruck
nicht. Die Offene Uni Berlins (OUBS) ist tatsächlich Produkt einer
Besetzung. Und ganz wie ein echtes besetztes Haus ist das Projekt von
Räumung bedroht.
Während des Unistreiks im Wintersemester 2003/04 hatten Studierende im
Ostflügel der Humboldt-Uni ein Aktionszentrum eingerichtet. Dort wurden
Transparente gemalt, Flugblätter und Wandzeitungen gedruckt sowie die
alltäglichen Straßenaktionen vor- und nachbereitet - und am 15. Dezember
2003 wurde hier die Offene Uni gegründet. Sie veranstaltet Projekte und
Seminare ohne Zugangsbeschränkungen. Nach einem Abiturzeugnis fragt hier
niemand.
Letzter Rest vom Unistreik
Die OUBS ist das einzige der einst zahlreichen Projekte, das vom Unistreik
übrig blieb. Schon Anfang Januar 2004 hatte eine Vollversammlung der
HU-Studierenden nach heftiger Debatte die Rückkehr zum normalen Unibetrieb
beschlossen. Aber eine aktive Minderheit machte einfach weiter - vor allem
viele der gerade politisierten Erstsemester. "Nach den ständigen Aktionen
wollten wir nicht einfach wieder für die Klausuren büffeln", erzählt
Islamwissenschaftsstudent Matthias. "Wir hatten aus den Streikwochen das
Gefühl mitgenommen, gemeinsam etwas auf die Beine stellen zu können und mehr
als nur anonyme Masse in den überfüllten Hörsälen und Mensen zu sein."
Die Unileitung erwies sich als kooperativ. Die ersten Wochen bezog die OUBS
zwei Räume im Hegel-Gebäude hinter dem HU-Haupthaus. Als das wegen
anstehender Renovierung geschlossen wurde, bot die Unileitung ein leer
stehendes Haus auf dem Nordcampus in der Nähe der Charité als
Ausweichquartier an. "Wir konnten zunächst kaum glauben, dass wir so viel
Platz haben sollten", erinnert sich Timo, Architekturstudent und
OUBS-Aktivist der ersten Stunde.
Doch es war auch kein Problem, den Platz auszufüllen. Mittlerweile wurden
Seminar- und Veranstaltungsräume, ein Kinosaal, ein Computerraum, eine
kleine Bibliothek, ein Foto- und Filmlabor, ein Kinderzimmer, Werkstätten,
Übungs- und Partyräume eingerichtet. Dass nur ein Bruchteil der Studierenden
den Ort überhaupt kennt, stört die OUBS-AktivistInnen nicht. Schließlich
habe man Kontakte zu aktiven KommilitonInnen aus sämtlichen Berliner
Hochschulen und zu vielen nichtuniversitären Initiativen.
So trifft sich beispielsweise am Mittwoch in einem Raum die
Arbeitsloseninitiative Piqueteros, um "Alternativen zur autoritären
Arbeitsgesellschaft" zu suchen. Nebenan plant das Antikriegsbündnis Achse
des Friedens den nächsten Ostermarsch - und zeigt einer verirrten Studentin
auch den Weg zum Veganismus-Workshop, der eine Etage tiefer stattfindet.
Wenn der zu lange dauert, klopfen schon mal die kritischen
WirtschaftswissenschaftlerInnen an die Tür, die im Anschluss denselben Raum
für ihre Treffen nutzen. Auch das Obdachlosentheater Die Ratten probt hier.
Und eine Energieberaterin bietet einen wöchentlichen Fachvortrag zum Thema
Lüften an.
"Das hat nichts mit Spielwiese zu tun", sagt Morus Markad, Privatdozent an
der Psychologischen Fakultät der HU. Vielmehr gehe es bei der OUBS darum,
exemplarisch Freiräume für die Reflexion des Verhältnisses von Erkenntnis
und Interesse zu schaffen und damit gesellschaftliche Verantwortung von
Wissenschaft ernst zu nehmen. Morus ist einer der wenigen
Hochschuloffiziellen, die schon mal in die Räume der OUBS gefunden haben.
Ein anderer ist Peter Grottian. Der FU-Politologe und Protestmentor hat bei
der OUBS verschiedene Treffen gegen Hartz IV und Sozialabbau besucht. "Als
Teilnehmer", betont Timo. "Er musste sich wie alle anderen an die Redezeit
halten."
Etablierte Institutionen werden auf Distanz gehalten. Die
Globalisierungskritiker von Attac wollten in der OUBS ein festes Büro
einrichten. Ihr Antrag wurde abgelehnt. Feste Raumbelegung würde den
Charakter des Hauses ändern, fürchten viele AktivistInnen. Dann entstünde
ein zweites Haus der Demokratie, die Offenheit ginge verloren.
"Hier können unterschiedliche Ansätze nebeneinander stehen", sagt Richard.
Der Erwerbslose ohne Abitur, der vorher nie eine Universität von innen
gesehen hatte, stieß schon in den ersten Tagen nach der Gründung zur OUBS.
Mittlerweile ist er täglich mehrere Stunden dort und erledigt auch viele
organisatorische Arbeiten. Auch Mattias, der die OUBS als autonomes
Bildungszentrum betrachtet, sieht in der Vernetzungsfunktion die eigentliche
Bedeutung.
Die grenzenlosen Toiletten
Natürlich bleibt auch die Offene Uni nicht von innerlinken Szenedebatten
verschont. So versuchte eine trotzkistische Kleingruppe, im wöchentlichen
OUBS-Plenum eine Debatte über die proisraelischen "Antideutschen"
anzuzetteln - vergebens. Selbst in den Toiletten wurden alte Barrikaden
überwunden. Im Rahmen einer Gendernacht sei vor einigen Wochen die Trennung
in Frauen- und Männerklos aufgehoben worden, erzählt die
Kulturwissenschaftsstudentin Jasmine.
Doch mit der Offenheit könnte es bald vorbei sein. Die Leitung der HU möchte
die Offene Uni schließen - zumindest am bisherigen Standort. Dort soll ein
wissenschaftliches Zentrum einziehen, dass sich der Erforschung der
Denkprozesse widmet. "Am 31. März muss das Haus geräumt sein", sagt Frank
Everslage. Der HU-Vizepräsident betont aber auch, man wolle die Arbeit der
Offenen Uni in keiner Weise behindern. Deshalb habe man ein Ersatzobjekt in
unmittelbarer Nähe angeboten - kostenfrei bis 2009. Dort müssen aber Heizung
und Stromnetz repariert werden. Das dauert ein halbes Jahr. Derweil könne
die OUBS dort schon ihr Inventar lagern und fünf Räume in einem anderen
Unigebäude nutzen, erklärt Everslage. Wenn das einmalige Angebot aber
ausgeschlagen werde, "ist das Projekt auf dem Universitätsgelände beendet",
stellt der HU-Vizepräsident klar.
Die debattierfreudigen OUBS-Aktivisten haben sich noch nicht auf eine
Antwort einigen können. Viele denken wie Matthias: "Solange wir kein
gleichwertiges Haus bekommen, bleiben wir einfach hier drin". Dann wäre die
OUBS wieder ein besetztes Zentrum wie in den Tagen der Gründung. Manche
suchen auch nach einer anderen Variante. "Wir halten uns alle Optionen
offen", gibt sich Matthias diplomatisch.
Die OUBS befindet sich in der Philippstraße 13 in Mitte. Am Samstag stellt
sie sich im Rahmen einer Langen Nacht vor. Dabei führt auch das
Obdachlosentheater Die Ratten sein neues Stück auf.
Weiter Infos unter
www.oubs.tk

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