ND24.06.05 »Depression und Zynismus«
Je linker das Kulturprojekt, desto prekärer die Arbeitsbedingungen?
Von Peter Nowak
Wein predigen und Wasser trinken - Intellektuelle und Kulturschaffende
wirken oft unter den Bedingungen der Selbstausbeutung. Doch allmählich
können Gewerkschaften auch bei den »Freischaffenden« im Kulturbetrieb Fuß
fassen.
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Programmkinos, Off-Theater, Galerien - zumindest in den größeren Städten
gehören sie mittlerweile zum Unterhaltungsangebot des Bildungsbürgertums
ebenso wie eines jungen studentischen Publikums. In diesen Einrichtungen
wird zur Information auch noch der kritische Blick geboten. So war in der
letzten Zeit Globalisierungskritik das beherrschende Thema bei vielen neuen
Filmen, Theaterstücken oder Videoinstallationen. Selten wurde in Kinos,
Theatern und Museen so viel und so gründlich über Politik diskutiert. Doch
ein Thema bleibt in der Regel ausgespart: die Arbeitsverhältnisse der
Beschäftigten in den Kultureinrichtungen.
»Mittlerweile kann man davon ausgehen, dass eine kritische Ausstellung über
Prekarität im Backstage-Bereich die neoliberalen Arbeitsverhältnisse
multipliziert - und diesmal gibt es für die endlose Schufterei für das
>Projekt< so gut wie überhaupt kein Geld mehr«, meinte der Kölner
Kulturredakteur Mark Terkessidis kürzlich auf einer Veranstaltung in der
Berliner Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin-Kreuzberg (NGBK).
Terkessidis stellte die Frage, woher gerade im Kulturbereich die
Bereitschaft kommt, sich für schlecht bezahlte Veranstaltungen Tag und Nacht
aufzuopfern und von Verwandten geliehenem Geld zu leben.
Seine Antworten sind relativ konservativ. Weil die Hochschulen in
Deutschland nicht auf eine Berufsperspektive vorbereiten, werden Projekte
gerne angenommen, um etwas zu lernen. Außerdem hätten die überwiegend aus
mittelständischen Verhältnissen stammenden Kulturarbeiter oft schlicht nicht
gelernt, ihre materiellen Interessen zu vertreten. Ȇber Geld redet man
nicht gern.« Einen geringen Stellenwert spricht er den banalen ökonomischen
Zwängen zu, vor denen auch die Kulturbranche nicht gefeit ist.
Wissenschaftliche Studien, die die Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb in
den Blick nehmen, konstatieren hingegen, dass gerade nach der Krise der >New
Economy< die Stimmung bei vielen freien Kulturarbeitern zwischen Depression
und Zynismus schwankt. In vielen Studien wird das Bild einer Generation
gezeichnet, die nach dem Uni-Abschluss statt der früher üblichen stabilen
Karrieren nur die Scheinselbstständigkeit erwartet - im Journalismus, im
Kulturbetrieb, im Forschungswesen und sonstigen Kreativbranchen. Ihr Leben
ist vom Auseinanderklaffen zwischen ihrem hohem sozialen Status und ihrer
miserablen materiellen Ausstattung gekennzeichnet. In Gesprächen mit
Betroffenen erfahren die Autoren von Depressionen, Zukunfts- und
Versagensängsten, Gefühlen der Erniedrigung als ständigen Wegbegleitern im
Alltag.
Doch das Bild vom ständig einsatzbereiten Kulturarbeiter, wie es Terkessidis
zeichnet, ist genauso unvollständig wie das der verzweifelten Billigjobber.
Längst versuchen sich Betroffene gegen ihre Arbeitsbedingungen zu wehren.
Dabei wird durchaus auf Organisationen zurückgegriffen, die in der Hochphase
der Neuen Ökonomie für viele junge Kreative altmodisch schienen: die
Gewerkschaften. Mehr als 25000 Selbstständige aus dem Kulturbetrieb sind
Mitglied der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Der Organisierungsgrad im
Mediensektor ist allerdings höher als im künstlerischen Bereich, meint
Veronika Mirschel vom ver.di-Fachbereich Freie und Selbstständige.
Sie verweist auf die vielfältigen Angebote ihrer Gewerkschaft für die
Beschäftigten im Kulturbetrieb. So wird auf der Homepage
www.mediafon.net
ein umfangreiches Beratungspaket angeboten. Allerdings müssen
Nichtgewerkschaftsmitglieder 12,50 Euro für eine viertelstündige Beratung
zahlen. Damit sollen sie zum Gewerkschaftseintritt animiert werden. Denn
bisher ist gerade im Kulturbetrieb die Bereitschaft sich in einer
Ad-Hoc-Gruppe für die Beseitigung irgendwelcher Missstände im Betriebsalltag
einzusetzen, größer als die Bereitschaft, in die Gewerkschaft einzutreten.
Das zeigte sich nach den Referat von Mark Terkessidis. In der anschließenden
Diskussion berichteten Mitarbeiter der Neuen Gesellschaft für Politik und
Kunst (NBGK) über einen aktuellen Konflikt zwischen Geschäftsführung und
Honorarkräften - was zu beweisen war.

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