Telepolis17.01.05Hunger nach Aktivismus
Peter Nowak
Die Klartext-Konferenz in Berlin widmete sich dem Politischen in der
aktuellen Kunst - die parallel eröffnete Disobedience-Ausstellung
versucht es umzusetzen
"Eines haben die letzten Tage deutlich gemacht. Der Hunger nach einem
neuen politischen Aktivismus ist unter Künstlern gewachsen." Das sagte
der in London lebende Kulturwissenschaftler Boris Buden [1] am
Sonntagabend in der Berliner Volksbühne. Buden moderierte dort die
Abschlussdiskussion der internationalen Klartext-Konferenz [2], die
sich drei Tage lang mit dem Status des Politischen in der aktuellen
Kunst und Kultur befasste.
Der Andrang war groß. Neben Künstlern haben auch zahlreiche politische
Aktivisten den Ausführungen der Künstler aufmerksam verfolgt. Denn
nicht nur in Teilen der Kulturszene ist man stärker an politischer
Aktivität interessiert. Gerade in der parteiunabhängigen jungen
politischen Szene gibt es mindestens ein genauso großes Interesse an
künstlerischen Elementen.
Die Madrider Künstlergruppe Fiambrera Obrera hat mit ihren
Yomango-Aktionen [3] ein gutes Beispiel für die Überschneidung von
kulturellen Schnittstellen gegeben. Yomango [4] heißt übersetzt: Ich
klaue. Fiambrera Obrera verteilt rote Bücher mit Tipps zum
Ladendiebstahl und bekommt dafür sogar Preise und Nachfragen von
Museen in verschiedenen Ländern. Als aber ein globalisierungskritischer
Zusammenhang im letzten Jahr im Rahmen der Jahrestagung des
Bundeskongress Internationalismus [5] in Kassel eine Yamango-Aktion
organisierte [6], führte das zu polizeilichen Ermittlungen und im
Nachhinein noch zu einer Streichung der Gelder [7] durch die
Evangelische Kirche.
Die Aktionen der argentinischen Grupo de Arte Callejero [8] machen seit
1997 mit einer Mischung aus Demonstration und künstlerischer
Intervention im öffentlichen Raum die Wohnorte von ehemaligen Folterern
der Militärjunta bekannt machen. Anfangs waren die Aktionen spontan,
mittlerweile werden sie von Stadtteilkomitees vorbereitet.
Auch der Wiener Filmemacher Oliver Ressler [9] ist mit seinem Video
that is what democracy lookes like [10], Künstler und politisches
Subjekt gleichzeitig. Ressler hatte 2001 in Salzburg an einer
globalisierungskritischen Demonstration teilgenommen, die am Ende von
der Polizei eingekesselt stundenlang eingekesselt [11] worden ist.
Ressler war mit der Kamera mittendrin. Nachdem er in Österreich einen
Medienpreis bekommen hatte, wurde der Film sogar im Fernsehen gezeigt.
Der in New York lebende Helmut Haacke [12] stellte sein neues Projekt
für die Umgestaltung des Rosa-Luxemburg-Platzes [13] in Berlin vor.
Zitate aus ihrem umfangreichen politischen Werk, aber auch aus
Liebesbriefen Rosa-Luxemburgs sollen nach seiner Ansicht den Platz
künftig zieren.
Künstler aus Osteuropa versuchen unter den Bedingungen von Kapitalismus
und Keimformen bürgerlicher Demokratien eine widerständische Praxis zu
entwickeln. Der Dozent der Philosophischen Fakultät von Pristina,
Szegin Boynik, greift dabei die subversiven Widerstandsbewegungen im
Jugoslawien der 70er und 80er Jahre zurück. In Russland versuchen
Künstler mit der Interdisziplinären Plattform "Chto delat?" (Was tun?)
Anschluss an die internationalen künstlerischen Debatten zu bekommen.
Die meisten der Künstlergruppen haben ihre Arbeiten mit Film- oder
Videobeispielen vorgestellt. Die Abschlussdiskussion war hingegen ganz
der theoretischen Reflektion gewidmet. Dabei bekam die Londoner
Politologin Chantal Mouffe [14] viel Zustimmung für ihre Absage an den
Moralismus in der politischen Kunst. Umstrittener war schon ihre Absage
an eine zu starke Radikalität der Kunst.
Die parallel zur Klartext-Konferenz im Berliner Bethanien [15]
eröffnete Ausstellung Disobedience - geöffnet bis 27. Februar -
versammelt radikale künstlerische und politische Positionen. Nicht
wenige der auf der Konferenz auftretenden Künstler, wie Oliver Ressler
oder die Grupo de Arte Callejero sind dort mit Arbeiten vertreten. Ein
Schwerpunkt der Ausstellung ist die Italien. In mehreren Filmen und
Videos werden die Namensgeber, die politische Bewegung der
Ungehorsamen, ausführlich dargestellt. An den Wänden hängen Titelseiten
der Zeitung ihrer Vorgängerorganisation Lotta Continua von 1977. Thema
war der deutsche Herbst. "Baader, Ennslin, Raspe in deutschen Gefängnis
ermordet", lautete die Schlagzeile, für die man in Deutschland ein
Strafverfahren bekommen würde. Aber auch das Berlusconi-Italien der
Gegenwart kommt in der Ausstellung nicht zu kurz. Alternative Medien
[16] werden ebenso vorgestellt wie junge italienische Netzkunst [17]
oder ein von Frauen geführter Sexshop [18], der feministische Inhalte
in die Hackercommunity bringt.

LINKS

[1]
http://www.postcommunist.de/home/index.php?kat=kollegium&subkat=buden&la
ng=de
[2]
http://www.klartext-konferenz.net/
[3] http://www.rebelion.org/cultura/yomango230403.htm
[4] http://www.yomango.net/
[5] http://www.buko.info
[6] http://www.ila-bonn.de/solidaritaet/276buko.htm
[7] http://www.buko.info/buko/300mal100.html
[8]
http://www.proyectotrama.org/00/INGLES/2000-2002/buenos01/pagbue01/gac.h
tm
[9]
http://www.ressler.at/
[10] http://www.uni-leipzig.de/~kk/popups/kuenstler/ressler.html
[11] http://www.slp.at/zeitung/zo113salzburg.html
[12]
http://www.bundestag.de/bau_kunst/kunstwerke/haacke/derbevoelkerung/
[13] http://www.taz.de/pt/2005/01/13/a0231.nf/text.ges,1
[14] http://imm-live.wmin.ac.uk/sshl/page-146&theme=__normal
[15] http://www.kunstraumkreuzberg.de/
[16] http://wwww.telestreet.it
[17] http://www.hackmeeting.org
[18] http://www.ecn.org/sexyshock

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