ND 21.10.05 Maulkörbe im Sonderangebot
In Untertürkheim und Bochum grenzt die IG Metall organisationsinterne
Kritiker aus
Von Peter Nowak
Vor den Betriebsratswahlen in den 2004 umkämpften Autowerken in
Untertürkheim und Bochum will die IG Metall ihre Listen »sauber«
halten.
»Wir suchen nur die Besten«. Unter diesem Motto laufen seit dem 10. Oktober
im DaimlerChrysler-Werk in Untertürkheim Vorwahlen zur neuen
Betriebsratsliste der IG Metall für die im März 2006 stattfindende
Betriebsratswahl. Doch wer zu den Besten zählt und wer nicht gut genug ist,
darüber streitet man sich jetzt heftig in der mächtigen Organisation.
Kritische Gewerkschaftler beklagen in ihrer Betriebszeitung »Alternative«,
sie seien von der Mehrheit von der Wahl ausgeschlossen worden. Zu den
Betroffenen gehört neben anderen auch der als kämpferisch bekannte
Betriebsrat Tom Adler.
»Sie reden von Einheit und meinen Maulkorb«, lautet der Vorwurf der
Gewerkschaftslinken gegen die Betriebsratsspitze um Helmut Lense und Karl
Reif. Dieses Vorgehen wird von der zuständigen Esslinger Verwaltungsstelle
der IG Metall unterstützt. Das Anforderungsprofil der IG-Metall verlange von
potenziellen Kandidaten, in der Betriebsöffentlichkeit nur noch die Meinung
der Betriebsratsmehrheit zu vertreten und keine eigenständigen Publikationen
mehr zu veröffentlichen, heißt es dort. Das richtet sich gegen die
Betriebszeitung »Alternative«, die mit dem Slogan »parteilos, aber immer
parteiisch für die Kolleginnen und Kollegen« mit harter Kritik an der
Politik der Betriebsratsmehrheit nicht sparte. Es geht vor allem um die
gewerkschaftlichen Antworten auf die von den Unternehmen forcierte Politik
des Arbeitsplatzabbaus. Die Gewerkschaftslinken setzen hier vor allem
Arbeitszeitverkürzung bei vollem auf Lohnausgleich und werfen der
Betriebsratsmehrheit Konzeptlosigkeit vor.
Die Oppositionellen denken gar nicht daran, ihre Zeitung einzustellen, nur
um doch noch auf die Betriebsratslisten aufgenommen zu werden. Sie fordern
eine echte Wahl zwischen verschiedenen Alternativen und geben sich in ihrer
Zeitung kampfentschlossen: »Deshalb werden wir zu dieser Betriebsratswahl im
März 2006 antreten. Am liebsten in einer Persönlichkeitswahl. Wenn nicht
anders möglich, dann eben mit vielen anderen Gewerkschaftern auf einer
eigenen Liste«.
Im Bochumer Opelwerk hat die einst größte Gewerkschaft der Welt derzeit
offensichtlich ebenfalls Maulkörbe im Sonderangebot. Auch hier klagt die
Gewerkschaftslinke über Repressalien durch den Gewerkschaftsapparat. So
werden die Flugblätter der IG-Metall-Vertrauensleute, die sich kritisch mit
der Politik des Betriebsrats auseinandersetzen, von der örtlichen
Gewerkschaft nicht mehr gedruckt. Ähnlich wie in Untertürkheim befürchten
die in der Initiative »Gegenwehr ohne Grenzen« (GoG) zusammen geschlossenen
Betriebsratskritiker von den IG-Metall-Listen ausgeschlossen zu werden. In
einem auf der den Gewerkschaftslinken nahestehenden Internetplattform
»Labournet« abgedruckten Entwurf für eine Arbeitsplattform der IG Metall
Bochum heißt es unter Punkt 3 sehr deutlich: »Veröffentlichungen geben
ausdrücklich die getroffenen Mehrheitsentscheidungen wieder (...). Die
Herausgabe von Informationen und Stellungnahmen zu laufenden Debatten
innerhalb der Gremien und die Veröffentlichung von Positionen, die den
getroffenen Mehrheitsmeinungen entgegenstehen, unterbleibt.«
Bezeichnenderweise gab es sowohl bei dem Autowerk in Untertürkheim und in
Bochum im letzten Jahr von großen Teilen der Belegschaft getragene Proteste,
die von der IG-Metall-Spitze kaum unterstützt wurden. Ob sich die Kritik mit
administrativen Maßnahmen erledigen lässt, darf aber bezweifelt werden. Das
hat schon in den späten 70er Jahren nicht geklappt. Damals hoben in
Stuttgart, ganz in der Nähe von Untertürkheim, kritische Gewerkschafter mit
der Plakat-Gruppe eine linke Gewerkschaftsalternative jenseits der IG Metall
aus der Taufe. Auch damals hat das harte Vorgehen der IG Metall gegen linke
Kritiker viel zu der Spaltung beigetragen.

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