Taz vom 1.7.05Das Hüttendorf
Bett im Kornfeld
Auf der einen Seite stehen die Hochhäuser von Gropiusstadt, auf der anderen
die Müllverbrennungsanlage. Dazwischen befindet sich ein großes Stück
unbebautes Brachland. Es ist ein Idyll für seltene Vogelarten und Insekten,
die sonst in Berlin kaum eine Überlebenschance haben. Hier zwischen Neukölln
und Großziethen lebten, fast eine Woche lang, rund 20 Menschen in einem
Hüttendorf. Es sind eilige, aus Holz gefertigte Hütten. Ein kleines Schild
zwischen zwei Bäumen ermuntert zum Besuch: "Herzlich willkommen zum
Hausbau_05" steht darauf.
So nannte sich ein von ArchitektInnen und KünstlerInnen getragenes Projekt,
das am Donnerstagabend endete. Sechs Tage lang lebten hier engagierte
Menschen in den selbst gebauten Hütten im Kornfeld und debattierten mit den
neugierigen BewohnerInnen der umliegenden Hochhäuser. Die meisten hatten das
bunte Treiben von ihren Balkonen schon in der Aufbauphase beobachtet. Die
Neugierde war daher bei den GropiusstädterInnen groß, meinte Folke
Köbberling, die zu den Initiatorinnen des Projekts gehört. "Einige machten
sich Sorgen um die hygienischen Verhältnisse, andere wollten mehr über
unsere Motivation wissen und andere kamen nur zum Essen", so Köbberling.
Jeden Abend wurde eine warme Mahlzeit angeboten. Im Anschluss gab es
Filmveranstaltungen oder Diskussionsrunden, die sich um das Thema " Leben
ohne Eigentum" drehten. Vorbild sind die "Gecekondus" ("über Nacht gebaut")
genannten Hüttensiedlungen in der türkischen Metropole Istanbul, die von den
BewohnerInnen illegal errichtet werden.
Genau wie in Istanbul sind die Materialien für den Hüttenbau in Gropiusstadt
recycelt. Aufschriften wie "Odyssee 2001" an einigen Wänden verraten, dass
das Material vorher für die kürzlich zu Ende gegangene Kubrick-Ausstellung
im Gropiusbau verwendet wurde. Auch das Deutsche Historische Museum hat
Materialien beigesteuert. Eine Veranstaltung informierte über den
Umsonstladen, wo Menschen nicht mehr gebrauchte Gebrauchsgegenstände
vorbeibringen oder abholen können. Im Zeichen von Hartz IV sind solche
Hinweise sicher auch vielen BewohnerInnen der Gropiusstadt nützlich. Denn in
dem einstigen Vorzeigeprojekt einer sozialdemokratischen Wohnungspolitik
sind die Mieten längst nicht mehr günstig, die Wohnungen längst nicht mehr
in Schuss.
Gerade in der nicht mit kulturellen Einrichtungen gesegneten Gropiusstadt
löst ein Projekt wie Hausbau_05 noch Fragen aus. Ob es dagegen eine schlaue
Idee der KünstlerInnen sein wird, die Hütten im nächsten Jahr in Berlins
Mitte zu errichten? PETER NOWAK

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [1999] [2000] [2001] [2002] [2003] [2004] [2005]