ND 29.04.05Prekarisierte, vereinigt Euch!
Zwischen Demo und Parade: der »Euro-Mayday« kommt nach Deutschland
Von Peter Nowak
Nur ein folgenloser »Event« mehr - oder neuer Wind für den alten Kampftag?
In einigen EU-Staaten hat sich der »Euro-Mayday« schon etabliert. Jetzt
kommt er nach Deutschland.
In Italien gibt es ihn seit vier Jahren, in Spanien geht er ins dritte Jahr
- und am 1. Mai 2005 soll er erstmals auch in Deutschland veranstaltet
werden: der Euro-Mayday. Was eher nach Love-Parade als Gewerkschaftsdemo
klingt, ist tatsächlich eine Mischung aus beiden. Geschmückte Wagen, Musik
und Tanz mischen sich mit Politik. Statt Streit über Losungen und Aufrufe
wird beim Euro-Mayday linker Pluralismus hochgehalten. In Italien und
Spanien hat diese Mischung Anklang gefunden. Im letzten Jahr nahmen in
Mailand und Barcelona über 200000 Menschen am Euro-Mayday teil: Von
Hausbesetzern über Technofreaks bis zu braven Gewerkschaftlern.
Gestatten: das Prekariat
Anders als bei den traditionellen Gewerkschafts-Maidemos steht nicht die
Forderung nach Arbeitsplätzen, sondern der Kampf um soziale Rechte für alle
- unabhängig von einem Arbeitsplatz - im Mittelpunkt. Statt vom Proletariat
ist vom Prekariat die Rede - Beschäftigte in schlecht bezahlten Jobs ohne
gewerkschaftliche Rechte. »Prekarisierte der Welt - schließt euch zusammen«,
wird auf den Euro-Mayday-Plakaten geworben. Neben Mailand, Barcelona, Paris,
Amsterdam, Stockholm, Kopenhagen, London und Ljubljana ist mit Hamburg
erstmals auch eine deutsche Stadt vertreten. Vor einigen Monaten hatten
linke Aktivisten die Idee, den Euro-Mayday nach Deutschland zu importieren.
Auf dem europäischen Sozialforum im letzten Herbst in London wurde dann
Hamburg als Ort festgelegt.
Die Erwartungen sind groß. In Papieren malte man sich aus, dass der
Euro-Mayday zu einem »europäischen Großereignis«, gar zu einer
»Initialzündung einer europäischen Linken« werden könnte. Doch mittlerweile
ist erste Ernüchterung eingekehrt. Denn bevor das Ereignis startet, sorgte
es in der Linken erst einmal für Streit: Berliner Aktive wollten auch in der
Hauptstadt einen Euro-Mayday organisieren. Doch es setzten sich die durch,
die vor einer Verzettelung warnten und als Startschuss eine zentrale Aktion
in Deutschland favorisierten. Mit der Ortswahl Hamburg wollte man sich auch
von den autonomen Mai-Demos in Kreuzberg abgrenzen.
Nur ein Event-Import?
Doch auch in Hamburg sind nicht alle glücklich über den importierten Event.
»Happy Mayday-Zirkus« heißt es spöttisch in einem Kommentar von Andreas
Schmidt vom Sozialforum Elmsbüttel. Die Mayday-Leute wollen die Kritiker am
1. Mai eines Besseren belehren. In Hamburg beteiligt sich ein breites
Bündnis an der Vorbereitung. Neben linken Gruppen wie »Hamburg umsonst«, der
Migranteninitiative »Kein Mensch ist illegal« und »Kanak Attak« mischen auch
einige ver.di-Mitglieder bei dem Event mit. Allerdings hauptsächlich über
persönliche Kontakte. Der Hamburger ver.di-Funktionär Peter Bremme
unterstreicht aber, dass der DGB mit seiner Veranstaltungswoche Ȇberleben
in der Stadt der Millionäre« den Mayday ergänzt.

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