ND 25.02.05Eine Gedenkstätte in der besetzten Fabrik
Hausbesetzer in Erfurt streiten gemeinsam mit Bürgern für die Erinnerung an
Nazi-Verbrechen
Von Peter Nowak
In der thüringischen Landeshauptstadt ist seit Jahren ein Gebäude des
ehemaligen KZ-Zulieferers »Topf & Söhne« besetzt. Gemeinsam mit Erfurter
Bürgern setzen sich die neuen Bewohnern für eine Gedenkstätte auf dem
Gelände ein.
Die beiden jungen Mädchen kichern verlegen. »Topf & Söhne«, nein, davon
haben sie noch nichts gehört. Diese Antwort hat Yael Katz Ben Shalon schon
häufig gehört. Die israelische Künstlerin hat verschiedenen Passanten in der
Erfurter Fußgängerzone gefragt, ob ihnen der Name »Topf & Söhne« etwas sagt.
Nur wenige bejahen die Frage.
Die vier jungen Antifas hingegen kennen sich genau aus. Im April 2001 haben
sie mit rund 20 anderen gemeinsam ein seit langem leer stehendes Gelände in
der Nähe des Erfurter Hauptbahnhofs besetzt - ein Gebäude der Firma »Topf &
Söhne«. Ihre Antworten in der Erfurter Fußgängerzone sind Teil einer
Kunst-Installation, die zur Zeit in der Berliner ifa-Galerie zu sehen ist -
Titel »Stets gern für Sie beschäftigt.« Diese Floskel verwendete die Firma
»Topf & Söhne« in ihrer Geschäftskorrespondenz.
Während sich viele Passanten bei Yael Katz Ben Shalons Umfrage nach wenigen
Worten abwenden, erzählen die vier Antifas, wie sich mit der Besetzung des
Geländes auch ihre Herangehensweise an die politische Arbeit änderte. Rasch
merkte die bunt zusammengewürfelte Gruppe, dass es bei der Besetzung des
Fabrikgebäudes nicht einfach nur um einen weiteren Versuch handeln konnte,
selbstbestimmte Räume für politische Kollektive anzueignen. Denn in der
besetzten Industriebrache, die von 1878 bis 1948 der Firma »Topf & Söhne«
gehörte, wurden während des Nationalsozialismus Krematorien sowie Teile von
Gaskammern für Konzentrations- und Vernichtungslager wie Buchenwald, Dachau
und Auschwitz produziert. Auf einen Teil des Geländes produzierte die Firma
»Linse« Aufzüge, die zum Transport der Leichen von den Gaskammern zu den
Verbrennungsöfen eingesetzt wurden.
Die »Besetzung ist das Resultat zweier Auseinandersetzungen, die schon
länger in Erfurt ausgetragen werden. Zum einen der Kampf um ein autonomes
Zentrum und zum anderen die Auseinandersetzung mit nationalsozialistischen
Kontinuitäten«, hieß es in der ersten Erklärung kurz nach der Besetzung des
Geländes. In den letzten Jahren hat sich der Schwerpunkt auf den zweiten
Aspekt verlagert. Der Kampf gegen die Relativierung der Naziverbrechen und
die unterschiedlichen Spielarten des Antisemitismus in der Gesellschaft nahm
in der politischen Arbeit der Bewohner eine stärkere Bedeutung ein. Das ging
nicht ohne politische Brüche ab. Ein Teil der Besetzer der ersten Stunde hat
das Gelände mittlerweile verlassen.
Die verbliebenen Besetzer engagieren sich nun vor allem für einen Gedenkort
auf dem Gelände. Dabei arbeiten sie mit dem »Förderkreis Topf & Söhne«
engagierter Erfurter zusammen, die ebenfalls seit Jahren für einen Gedenkort
auf dem Gelände streiten. Doch trotz erster Zusagen der politisch
Verantwortlichen ist die Zukunft des Geländes weiterhin offen.
Ausstellung »Stets gern für Sie beschäftigt«, bis zum 27. März, Di. bis So.
14 bis 19 Uhr, ifa-Galerie, Linienstraße 139/140, Eintritt frei

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [1999] [2000] [2001] [2002] [2003] [2004] [2005]