Linkszeitung30.09.05Egon Bahr tritt vor Burschenschaftlern auf
Wenig Berührungsängste zur rechten Szene
Von Peter Nowak
Honorige Sozialdemokraten suchen neuerdings vermehrt die Nähe
nationalistischer Studentenkorps. So referiert der ehemalige Chef von Willy
Brandts Kanzleramt, Egon Bahr, am Wochenende vor der Burschenschaft
"Gothia". SPD-Linke und Jusos versuchen, mit einem eindringlichen Appell an
Bahr, den Eklat zu verhindern. Doch der ist nicht mal der einzige prominente
Gast aus der SPD, den sich rechte Burschenschaftler zum "Tag der deutschen
Einheit" eingeladen haben.
Der Offene Brief an den "Lieben Egon" war freundlich im Stil, aber hart in
der Sache. Der prominente Alt-Sozialdemokrat Egon Bahr wurde von SPD-Linken
unmissverständlich aufgefordert, am 1.Oktober nicht vor der Berliner
Burschenschaft "Gothia" zum Thema "Europa und die Türkei" zu referieren.
"Die Jusos und die Juso-Hochschulgruppen sind der Ansicht, dass
Burschenschaften nicht mit den Grundwerten der Sozialdemokratie vereinbar
sind," heißt es in dem vom Juso-Bundesvorsitzenden Björn Böhning, Ralf
Höschele vom Bundesvorstand der Juso-Hochschulgruppen, sowie den
SPD-Bundestagsabgeordneten Niels Annen und Sebastian Edathy unterzeichneten
Brief.
Als Hauptkritikpunkte an den Burschenschaften werden deren Elitedenken und
deren Nationalismus genannt. Die Unterzeichner verweisen auch darauf, dass
neben Bahr der ehemalige Aktivist der Außerparlamentarischen Bewegung Bernd
Rabehl von der Burschenschaft als Referent geladen ist. Der emeritierte
Politologieprofessor Rabehl sei mittlerweile offen in der rechten Szene
aktiv, habe der NPD-Zeitung "Deutsche Stimme" ein Interview gegeben und sei
vor der NPD-Landtagsfraktion in Sachsen als Redner aufgetreten.
Doch auch Bahr hatte schon in der Vergangenheit wenig Berührungsängste ins
rechte Lager gezeigt. So gab der ehemalige Bundesminister und Vertraute von
Willy Brand im November 2004 der rechten Wochenzeitung "Junge Freiheit" ein
Interview. "Wir müssen lernen, wieder eine normale Nation zu sein", lautete
die Überschrift.
Ähnlich wie bei der "Jungen Freiheit" ist es auch das Bestreben von
Burschenschaften durch die Einbeziehung von nicht der rechten Szene
zuzurechnenden Personen Seriosität zu gewinnen. "Wir halten es für nicht
akzeptabel, wenn Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten durch Reden vor
Burschenschaften daran mitwirken, dass Burschenschaften an Einfluss gewinnen
und ihr elitäres und undemokratisches Weltbild salonfähig wird", warnen die
SPD-Linken. Eine Antwort auf ihren Brief haben sie von Bahr bisher nicht
bekommen haben.
Inzwischen wurde bekannt, dass Bahr nicht der einzige Sozialdemokrat ist,
der am Wochenende vor Burschenschaften referiert. Wie die Akademischen
Blätter in ihren Terminkalender melden, soll der ehemalige
SPD-Sozialminister von Nordrhein-Westfalen, Friedhelm Farthmann, am
Festkommerz der Berliner Korporationen zum Thema "15 Jahre
Wiedervereinigung" referieren.

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