ND vom 8.12.05Deutschland sein - oder nicht?
Marco Heinig von ['solid] über eine Kampagne und ihr Gegenstück
Der Neubrandenburger ist Student und Bundessprecher des Jugendverbandes
['solid].
ND: Egal ob im Kino, im Fernsehen oder auf den Straßen der Bundesrepublik -
überall wird in diesen Tagen für die Kampagne »Du bist Deutschland«
geworben. Der Jugendverband ['solid] macht eine Gegenkampagne. Wollen Sie
nicht »Deutschland« sein?
Heinig: Nationalstaaten sollten als das gesehen werden, was sie sind:
Produkte der Geschichte, mit denen man sich derzeit noch abfinden muss. Sich
mit dem Land bzw. Staat, in dem man geboren ist, zu identifizieren, bedeutet
aber eine »Schicksalsgemeinschaft« anzunehmen, die ein
»Wir-und-die-anderen-Verhältnis« schafft. Das halte ich schlicht für falsch.
Schließlich verbindet mich mehr mit den Lohnabhängigen anderer Länder als
mit den gesellschaftlichen Eliten des »eigenen« Landes.
Im Rahmen der »Du-bist-Deutschland-Kampagne« der Medienunternehmen wird die
Bundesrepublik als demokratischer Sozialstaat dargestellt. Haben Sie andere
Erfahrungen?
Es wird verleugnet, dass die Demokratie in Deutschland nur so weit wirkt,
wie unser totalitäres Wirtschaftssystem es zulässt. Der Sozialstaat, der zu
keiner Zeit wirklich umfassend genug für die große Mehrheit der Bevölkerung
war, wird seit Ende der 80er Jahre massiv abgebaut. Aktuelle Stichworte sind
da nur Hartz IV und die geplante Einführung von Studiengebühren.
Sie haben Plakate zu einer eigenen Kampagne »Deutschland raus aus den
Köpfen« entworfen. Mit welchen Zweck?
Wir wollen mit den durch die Kampagne erzeugten Logiken brechen und dem
Betrachter die Möglichkeit ins Bewusstsein rufen, dass man auch anders
darüber denken kann. Uns ist dabei klar, dass wir gegen eine
millionenschwere Medienkampagne nicht viel entgegensetzen können. Aber wir
tun das, was uns derzeit möglich ist. Wer sich darüber informieren will,
kann das im Internet auf unseren Seiten
www.deutschland-raus-aus-den-koepfen.de und www.solid-web.de tun.
Aber auch zahlreiche Prominente haben erklärt, »Deutschland« zu sein,
darunter selbst Künstler mit Migrationshintergrund. Ist es so gesehen nicht
etwas an den Haaren herbeigezogen, der »Du bist Deutschland-Kampagne«
Nationalismus vorzuwerfen?
Mal abgesehen vom werbestrategischen Kalkül, welches hierbei eine Rolle
spielte, kann ein überzogen positiver Bezug auf das Land, welches ja auch
nur die Migration zulässt, soweit sie der nationalen Ökonomie nützt, nur als
nationalistisch bezeichnet werden. Jeder Einzelne soll nach dem Willen der
Kampagnenmacher fragen, was er für »sein Land« tun kann, und nicht, was für
einen selbst und vielleicht viele andere das Beste wäre.
Die Kampagne wurde unter anderem von der Bertelsmann AG ins Leben gerufen.
Welches Interesse verfolgen Konzerne wie dieser Ihrer Meinung nach mit der
»Du bist Deutschland«-Initiative?
Die Bertelsmann AG sieht sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch
politisch als gestaltender gesellschaftlicher Akteur. Die Think-Tanks des
Unternehmens sind wohl zu dem Schluss gekommen, dass »die Deutschen« ein
Motivationsproblem haben. Andererseits wird eingeschätzt, dass die
nationalistischen bzw. patriotischen Gefühle in der Bundesrepublik noch
nicht stark genug sind. Hier ist man sich darüber im Klaren, dass ein
stärkerer Nationalismus bzw. Patriotismus die aus Politik und Wirtschaft
kommenden Zumutungen erträglicher macht - frei nach dem Motto: »Ich bin ein
armes Schwein, aber wenigstens ein deutsches.«
Fragen: Peter Nowak

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