ND 15.07.05 Autonome Jugendzentren in der Klemme
Ob mit Baurecht, Brandschutz oder anderen Geschützen: Mancherorts versucht
die etablierte Politik noch immer, den alternativen Häusern das Leben schwer
zu machen
Von Peter Nowak
Kiel, Norderstedt, Lübeck und Dorfen haben auf den ersten Blick wenig
gemeinsam. Eine Ähnlichkeit besteht aber doch: In den Kommunen gibt es
Initiativen für den Erhalt selbstverwalteter Kultur- und Jugendzentren, die
in ihrer Existenz bedroht
sind.
Es ist eigentlich erstaunlich, dass sich um selbstverwaltete Kultur- und
Jugendzentren im Jahr 2005 noch einmal ein politischer Streit entzündet.
Schließlich war die Geschichte der Jugendzentrumsbewegung eng mit der
außerparlamentarischen Bewegung der BRD verbunden - und das ist eine Weile
her. Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre hatten sich viele Jugendliche
mit der Besetzung von leer stehenden Häusern und deren Umwidmung in Jugend-
und Kulturzentren ihre eigenen politischen und kulturellen Freiräume
geschaffen.
Anfangs waren die Zentren noch mit explizit politischen Ansprüchen
verbunden. Doch mit dem Abflauen der linken Bewegung blieb häufig nur noch
ein schwammiger Begriff von Gegen- oder Subkultur übrig. Die Zentren wurden
im Laufe der Jahre legalisiert und arbeiteten oft wie normale Kulturbetriebe
- sieht man einmal von den häufig noch miserableren Gehältern für die
Mitarbeiter ab. Die etablierte Politik konnte sich dennoch nicht so recht
mit den Zentren anfreunden. Bunte Mauern und laute Musik gelten noch immer
als suspekt. Und über die meisten Nutzungsverträge haben Ordnungsämter und
politische Parteien immer wieder den längeren Hebel in der Hand, um in die
Arbeit der formal autonomen Zentren einzugreifen.
In Kiel ist es eine fehlende Brandschutzmauer, die die grün-schwarze
Rathausmehrheit zum Anlass nimmt, der Alten Meierei größere Konzerte zu
untersagen. Dadurch droht eine der wichtigsten Finanzierungsquellen von
Kiels einzigem Ort der Gegenkultur zu versiegen. Die Verantwortlichen der in
ihrer Existenz gefährdeten Meierei versuchen nun durch Verhandlungen und
öffentlichen Druck, doch noch eine Lösung zu erreichen.
In Lübeck war diese Taktik bereits erfolgreich. Ende Juni wurde der
Mietvertrag mit dem Kultur- und Jugendzentrum »Alternative« um vier Jahre
verlängert. Die CDU-Mehrheit im Rathaus wollte ursprünglich nur einem
jederzeit kündbaren Vertrag zustimmen. Doch der hätte die Arbeit des in ganz
Norddeutschland bekannten Zentrums stark behindert.
Weiter ungewiss ist die Zukunft des »Sozialen Zentrums« Norderstedt. Der
Mietvertrag wurde zum 30. August gekündigt. Die Träger des Projekts wollen
die Räume aber erst verlassen, wenn es ein Ersatzobjekt gibt.
Während man in Norddeutschland mit den Mitteln des Brandschutzes oder des
Baurechts arbeitet, werden in Bayern ganz offen politische Geschütze gegen
die unliebsamen Polit-Buden in Stellung gebracht. So soll das Jugendzentrum
in Dorfen geschlossen werden, weil es der örtlichen CSU-Mehrheit als Hort
des »Linksextremismus« gilt. Mit ihrer Meinung sind die Christsozialen
allerdings nicht allein. Unter dem Motto »Kriminellen keine Plattform
bieten! JZ Doren schließen« marschierten unlängst Rechtsradikale aus dem
Umfeld von NPD und Freien Kameradschaften durch den Ort. Mittlerweile haben
sich die Freunde des Jugendzentrums im Verein »Pro JZ« zusammengeschlossen,
um zu verhindern, dass die Pläne der Rechten und Ultrarechten aufgehen.
Stefan Brandhuber vom Verein »Pro JZ« gibt sich optimistisch: »Die
mittlerweile ein halbes Jahr dauernde Nazi-Kampagne hat in Dorfen nicht nur
reaktionäre Kräfte gegen das JZ mobilisiert, sondern gleichzeitig zu einer
vitalen antifaschistischen Praxis und Solidarisierung geführt.«

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