ND 15.04.05In die Mitte der Gesellschaft
Ein Teil des antideutschen Spektrums hat seinen Austritt aus der Linken
erklärt
Von Peter Nowak
Was tun, wenn sich alle um einen kümmern? Sie sind in aller Munde, die
»Zeit« schreibt ebenso über sie wie die konservative »Frankfurter
Allgemeine« und die linksliberale »tageszeitung«. Das Zeitgeistmagazin
»Polylux« hat ihnen schon eine Reportage gewidmet, und der Verfassungsschutz
berichtet in seinen jährlichen Berichten.
Die Rede ist von den Antideutschen, einer politischen Strömung, die nach
1989 mit ihrem vehementen Widerstand gegen deutsche Großmachtpolitik
angetreten war, Mitte der 90er Jahre entschiedenen Einspruch gegen nationale
Diskurse erhoben hatte und nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vor
allem durch das Schwenken von US-Fahnen auf linken Demonstrationen von sich
reden machte.
Natürlich verbirgt sich hinter dem Label »Antideutsch« keine einheitliche
Bewegung. Mittlerweile gibt es antideutsche Kommunisten, antideutsche
Frauengruppen, antideutsche Schwuleninitiativen, Post- und Ex-Antideutsche -
und alle sind sie sich nicht grün. Die Redaktion des wohl wichtigsten
antideutschen Zirkulars »Bahamas« versuchte zwar in der Vergangenheit mehr
oder weniger erfolgreich, der Strömung eine politische Richtung zu geben.
Doch der Führungsanspruch der ehemaligen Maoisten wird längst in Frage
gestellt.
So war schon anlässlich der letzten Feierlichkeiten zum Tag der deutschen
Einheit, zweifellos einer der wichtigsten Termine in jedem linksradikalen
Kalender, von »antideutschen Peinlichkeiten« zu lesen. Der süffisante
Kommentar kam nicht etwa von jenen, über die eine Kostprobe nicht gerade
zimperlicher antideutscher Kritik gekommen war, sondern aus den eigenen
Reihen: »Wir hatten zu erklären, warum wir als Kommunisten für den
Liberalismus kämpfen, als Staatsfeinde für Israel, als Antikapitalisten für
amerikanische Kriegseinsätze. Nicht ganz einfach.«
Offene Gesellschaft...
Die Autoren dieser Zeilen haben kürzlich in einer Erklärung mit dem
programmatischen Titel »Freunde der offenen Gesellschaft« so etwas wie ihren
offiziellen Austritt aus der Linken erklärt. »Wir sind eine bisher kleine
Gruppe Liberaler, die sich seit dem 11. September 2001 Schritt für Schritt
von linken Gewissheiten verabschiedet haben - und gemeinsam mit den so
genannten Antideutschen eine immer größer werdende und schließlich
unüberbrückbar intellektuelle und emotionale Distanz zu all den vielen
linken Strömungen aufgebaut haben, mit denen wir als Jugendliche
sympathisiert hatten«, heißt es in einem in der Szene teils amüsiert, teils
verärgert, aber unter dem Strich dann doch meist erleichtert aufgenommenen
Papier.
Der Bruch mit den ehemaligen politischen Kampfgefährten scheint
irreversibel. »Wir sind die Lügen und intellektuellen Zumutungen der Linken
leid: ihr Ressentiment gegen die moderne Gesellschaft und die individuelle
Freiheit, ihr ständiges Wiederholen unbewiesener Tatsachenbehauptungen, ihre
sozialpädagogisch anmutende Apologie des islamischen Terrors, ihr
männerfeindlicher Antisexismus«, schreiben die frisch gebackenen
Jungliberalen, die im Internet ihre neuen politischen Vorbilder auflisten.
Mit Publizistinnen wie Miriam Lau und Bettina Röhl gehören zwei Frauen dazu,
die schon lange mit ihrer linken Sozialisation radikal gebrochen haben und
heute vor allem in konservativen Medien wie der Tageszeitung »Welt«
veröffentlichen.
...offene Ohren
Die wurde in der »Bahamas« wegen ihrer klaren Parteinahme für die Politik
der USA ausdrücklich gelobt. Auch der antideutsche Irak-Experte Thomas von
Osten Sacken gehört mittlerweile zu den Autoren des Springerblattes.
Gemeinsam mit seinem Kollegen Thomas Uwer hatte er schon vor dem Irakkrieg
in einem Memorandum eine US-freundlichere Irakpolitik in deutschem Interesse
gefordert. »Es kann umgekehrt nicht im Interesse der Bundesrepublik
Deutschland sein, alleine am Status quo eines zum Zusammenbruch verurteilten
Regimes festzuhalten.«
Es ist damit zu rechnen, dass die »Freunde der Offenen Gesellschaft« nicht
zuletzt bei einem Teil jener Linken auf offene Ohren stoßen, die in der
vergangenen Zeit stets besonders verbalradikal andere wegen ihres
»Ankommens« in der Gesellschaft kritisiert hatten. Die neueste Entwicklung
hat der Politologe Partrick Hagen in einer umfangreichen Studie über die
Antideutschen bereits vorweggenommen: »Der Vorwurf, sie begäben sich auf den
Weg zurück in die bürgerliche Wertegemeinschaft, wird den Antideutschen
schon seit ihren Anfängen gemacht. Für Teile der Antideutschen scheint dies
mittlerweile eine wahrscheinliche Entwicklung zu sein.«

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