ND 01.04.05Die Unangepassten werden Feindbild
Demo gegen Berliner Anti-Graffiti-Kongress
Arian Wendel ist Mitglied von [solid]36 - die sozialistische jugend
kreuzberg, die am kommenden Donnerstag eine Demo gegen den in Berlin
stattfindenden »Internationalen Anti-Graffiti-Kongress« organisiert.
ND: Eine Demo unter dem Motto »Graffiti ist kein Verbrechen« - hat eine
linke Jugendorganisation derzeit keine andere Probleme?
Wendel: Natürlich sind wir vorrangig im Kampf gegen Sozialabbau,
Militarismus und Rechtsextremismus aktiv. Doch genau so wichtig ist für uns
der Kampf gegen einen damit verbundenen Sicherheitswahn, der alle
Unangepassten und Randgruppen zum Feindbild erklärt. Neben vielen anderen
gehören heute auch die Graffiti-Sprüher dazu.
Und die Zeiten scheinen immer schwerer zu werden.
So sieht es aus: Sicherheitspolitiker, Immobiliengesellschafter und Polizei
aus sechs Ländern wollen in Berlin ihr Vorgehen gegen Sprayer koordinieren.
So wird konkret nach Gesetzesverschärfungen auf mehreren Ebenen gerufen.
Dazu gehören härtere Strafen, umfangreichere Videoüberwachung und die
Einführung eines Mindestalters für den Erwerb von Sprühdosen.
Warum findet der Kongress in Berlin statt, der Stadt, die mal für ein
langes, allerdings nur einseitig besprühtes Bauwerk bekannt war?
Die Organisatoren von der Bürgerinitiative »nofitti.ev« machen den Kongress
in Berlin, weil die Hauptstadt ihrer Meinung nach ganz oben auf der Liste
international aktiver Graffiti-Aktivisten stehe. Die Initiative wurde vor
fast 10 Jahren von einem CDU-Abgeordneten im Berliner Abgeordnetenhaus
gegründet und hat sich seitdem dem Kampf gegen Sprayer gewidmet. In der
Vergangenheit hat die Initiative vor allem bei CDU und FDP Unterstützung
erfahren. Daher ist es schon verwunderlich, dass auch ein rot-roter Senat
aus SPD und PDS der Anti-Sprayer-Lobby mit einer Einladung ins Rathaus eine
solche Wertschätzung zukommen lässt.
Wie könnte eine für alle Seiten einvernehmliche und vor allem kurzfristige
Lösung aussehen?
Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gab es eine Zeit lang eine Wand, die
legal besprüht werden durfte. Seit zwei Jahren ist auch dort das Sprühen
wieder verboten. Die Rücknahme dieses Verbots gehört zu unseren
realpolitischen Forderungen. Wir von [solid]36 glauben jedoch nicht, dass
durch die Bereitstellung legaler Wände »illegales Sprühen« verhindert werden
kann. Das wollen wir auch gar nicht, aber dadurch werden die Graffitis
vielleicht besser.
Was der Kommerzialisierung der Szene zu Gute käme...
Es gibt sicher auch hier die Strategie des teile und herrsche. Ein Teil der
Graffitiszene wird zu Künstlern erklärt, darf in Galerien ausstellen und
wird gar zu Werbeträgern. Doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass
die übergroße Mehrheit der Sprayer ständig mit Kriminalisierung und
Gefängnisstrafen rechnen muss. Daran wird sich auch wenig ändern.
Schließlich greifen die Sprayer in den Augen großer Teile der Öffentlichkeit
mit dem Verfärben fremder Wände ein Fundament der
bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft an: die Untastbarkeit des
Privateigentums.

Fragen: Peter Nowak

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