TAZ vom 26.4.05 Zurück zu den Wurzeln
Mit einer Aktionswoche wollen linke Gruppen Menschen erreichen, die mit
1.-Mai-Demos nichts anfangen können
Es gibt sie immer noch, die Demonstrationen gegen Hartz IV - auch wenn sie
nicht mehr nur am Montag stattfinden. Gestern Mittag zogen GegnerInnen der
so genannten Agenda 2010 von der Neuköllner Arbeitsagentur zum Rathaus des
Bezirks. Dort hatten sich etwa 200 Menschen eingefunden, die auch gegen den
Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky protestierten. Der hatte in einem
Interview mit der neurechten Wochenzeitung Junge Freiheit gegen
AntirassistInnen gewettert und will nach einer allgemeinen Entschuldigung im
Amt bleiben.
Die Demonstration wurde von Stadtteil-Erwerbslosen und Antirassismusgruppen
organisiert und war Teil einer berlinweiten "Aktionswoche für sozialen
Widerstand" mit dem Titel Maisteine05. Sie hatte am vergangenen Samstag in
Friedrichshain begonnen. Dort hatte eine Stadtteilinitiative gemeinsam mit
linken Gruppen auf dem Boxhagener Platz gegen "Yuppiesierung" des Bezirks,
Fahrpreiserhöhungen der BVG und andere soziale Probleme protestiert.
Zuvor hatten vor zwei Lidl-Filialen in Friedrichshain AktivistInnen in roten
Kapuzenpullovern der "Überflüssigen" für Aufsehen gesorgt. "Lidl zur Hölle",
konnten erstaunte KundInnen auf Schildern der Gruppe lesen. In Redebeiträgen
wurden die von der Gewerkschaft Verdi in einem "Lidl-Schwarzbuch" bekannt
gewordenen schlechten Arbeitsbedingungen bei der Lebensmittelkette benannt.
Noch bis zum 30. April soll die Maisteine-Aktionswoche mit ähnlichen
Aktionen in Berlin fortgesetzt werden. Der Abschluss soll am 30. April eine
Walburgisnachtparty am Boxhagener Platz sein. Im vergangenen Jahr hatten
linke Gruppen zum ersten Mal eine Maisteine-Aktionswoche organisiert. "Es
geht uns darum, von sozialer Ausgrenzung und Ausbeutung Betroffene da
anzusprechen, wo sie leben", erklärt Claudia Steinle von der
Maisteine-Pressegruppe. Man wolle Menschen erreichen, die aus politischen
oder kulturellen Gründen keinen Bezug zu den Demonstrationen in Kreuzberg
haben. Ein weiteres Ziel der Aktionswoche sei die Vernetzung aktiver
Gruppen.
Trotz des friedlichen Verlaufs aller bisherigen Aktionen war die Polizei
immer mit einem Großaufgebot vertreten. Wahrscheinlich haben bei der
Berliner Polizeiführung schon bei dem Namen "Maisteine" die Alarmglocken
geklingelt. PETER NOWAK

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