TELEPOLIS18.12.2004Rechte ohne Trachten
Peter Nowak

Eine Internetplattform will dem Einfluss von Rechten in der Musik- und
Subkultur entgegentreten
Frauen im Dirndl und Männer im Trachtenanzug, so stellen sich manche
noch immer die Kultur der Rechtsextremisten vor. Manchmal hat diese
Vorstellung sogar etwas Realitätssinn. So konnten Beobachter bei dem
Pressefest der NPD-Zeitung Deutsche Stimme tatsächlich Fotos machen,
die deutsche Männer und Frauen in Trachten beim Volkstanz zeigte. Doch
die Mehrheit der jüngeren Rechtsextremisten haben ganz andere
Vorlieben. Sie bevorzugen schon lange Musikstile und bewegen sich in
Subkulturen, die auch in der Linken goutiert wird.
Diese gar nicht mehr so neue Unübersichtlichkeit ist an der Kulturszene
nicht unbemerkt vorbeigegangen. Seit sich in den 90er Jahren
herumgesprochen hat, dass die "Kids nicht allright" sind, dass es auch
eine rechte Subkultur gibt, haben kulturelle Initiativen dagegen
angekämpft. Fast jede Kultursparte hat ihre Initiative gegen Rechts.
Meistens werden diese Bemühungen nur im eigenen Kultursegment überhaupt
wahrgenommen.
Die Internetplattform Turn it down [1] will gegen diese
Szenebezogenheit ankämpfen. Sie bündelt Initiativen, die in ihren
räumlichen und kulturellen Bereichen gegen rechte Einflüsse kämpfen.
Die Bandbreite reicht vom antifaschistischen Soundkollektiv [2] aus
Berlin bis zum afrodeutschen Musikprojekt Brothers Keepers [3]. Gothics
[4] und Grufties gegen Rechts [5] wie auch das HipHop-Partisan-Netzwerk
[6] stelen sich auf der Internetplattform vor.
Am letzten Wochenende hat sich die Internetplattform in Berlin
vorgestellt. Natürlich spielt auch hier der kulturelle Aspekt die
Hauptrolle. Die Liveauftritte verschiedener Independentbands zogen viel
Publikum an. Aber auch die unterschiedlichen
Informationsveranstaltungen stießen auf großes Interesse. Zunächst
wurde die Kampagne Schöner leben ohne Naziläden [7] vorgestellt, die
es sich zum Ziel gesetzt, die sich vor allem in den ostdeutschen
Bundesländern ausbreitende rechte Subkultur einzudämmen. So fanden in
Sachsen im letzten Jahr über 30 Neonazikonzerte statt. Mit dem Einzog
der NPD in den sächsischen Landtag werden die Rechten dreister und
selbstbewusster.
Anders war es beim Vortrag über den rechten Einfluss in der
Hardcore-Szene. Die Initiative "Good Night - White Pride" schreibt [8]:
"Hardcore bedeutet den Kampf gegen jede Form von Herrschaft! Hardcore
ist die offene Kampfansage an alle, die diese Grundwerte missachten!"
Doch diese Eindeutigkeit hat wenig mit der realen Geschichte des
Hardcore und der Stright Age-Bewegung zu tun,. wie sie der Referent in
seinen mit Hörbeispielen untermalten Vortrag aufzeigte. Schon früh
kamen teilweise durch religiöse Einflüsse frauen- und
schwulenfeindliche Inhalte in die Texte der Songs auch von Bands, die
immer noch ein Referenzpunkt für alternative und linke Kreise sind.. So
beklagte die Band Cromax im "Zeitalter der Leiden" einen allgemeinen
Sitten- und Kulturverfall, zu denen sie Junkies, Homosexualität und
Geschlechtsverkehr zählt.
Noch deutlicher wurde die Band Agnostic-Front. "Von einem natürlichen
und moralischen Standpunkt aus kann Homosexualität nur als unnatürlich
bezeichnet werden", lautet das Statement eines der Sänger einer Band,
die immer wieder auch in alternativen und linken Veranstaltungsorten
auftritt. Selbst eine Band wie Forced Reality, die Vater Odin ihren
Dank abstattet, wurde in der alternativen Hardcoreszene gerne gehört.
Youth Defense hingegen hatte sich mit ihren positiven Bezug auf Ian
Stuart, den mittlerweile verstorbenen Sänger der Naziband Skrewdriver,
endgültig in die rechte Ecke gestellt. Stuart war Mitbegründer des
Neonazinetzwerks Blood and Honour und gilt als einer der Mentoren der
rechten Musikbewegung.
Auch der Übergang vom Hardcore zum Hatecore [9] wurde zunächst von
linken und rechten Musikfans goutiert. Die Wut gegen Ungerechtigkeiten
und bestehende Verhältnisse kann von links und rechts mit Inhalten
gefüllt werden. Die Hatecore-Bewegung hat mittlerweile auch unter der
Rechten in Deutschland an Popularität gewonnen. Manche Rechte haben
hier auch eine profitable Einnahmequelle gefunden.

LINKS

[1]
http://www.turnitdown.de
[2] http://www.ansoko.de/
[3] http://www.turnitdown.de/102.html
[4] http://members.fortunecity.de/gothics_gegen_rechts/
[5] http://www.geister-bremen.de/
[6] http://www.hiphop-partisan.net/
[7] http://www.stoppnazilaeden.de.vu/
[8] http://www.turnitdown.de/27.html
[9] http://www.turnitdown.de/155.html

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