Taz vom 8.3.04 Kopftuchdebatte legt Partisanen lahm
Zwei Alt-68er haben sich in die Haare gekriegt. Einer der beiden schaltete
daher das von ihnen betriebene Partisan.net ab. Viele linke Projekte offline
VON PETER NOWAK
"Parmesan und Partisan, wo sind sie geblieben, Partisan und Parmesan, alles
wird zerrieben", dichtete einst Matthias Beltz. Für die Berliner Partisanen
wurde nun nicht mal eine staatlich repressive Käsereibe benötigt, es reichte
ein hochemotional besetztes Stück Stoff: Nach heftiger Debatte um das
islamische Kopftuch schaltete der Inhaber von
www.partisan.net vor wenigen Tagen die
Internetseite selber ab.
So unterschiedliche linke Projekte und Initiativen wie die
"Antifaschistische Gruppe im Prenzlauer Berg", der Aurora-Buchversand, die "Initiative gegen
das Chipkartensystem" oder auch "Maos Werke in deutscher Sprache" fanden sich
auf der von den Alt-68ern Karl-Heinz Schubert und Günther Langer initiierten
Seite. Langer, der bei Partisan.net für die SDS-Homepage verantwortlich war,
löschte die bei Network Solution in den USA eingetragene Domain.
Denn Langer und Schubert haben sich zerstritten. Die politische Entfremdung
der beiden langjährigen politischen Weggefährten habe nach den Anschlägen am
11. September 2001 in den USA begonnen, so Schubert. Langer warnte in seinen
Texten zunehmend vor der Gefahr des Islamismus. Den sah er auch in Gestalt
der kopftuchtragenden Lehrerin Fereshta Ludin am Werk, die er in die Nähe von
Ussama Bin Laden rückte.
Vor einigen Monaten war Langer Mitverfasser eines offenen Briefes, in dem
gefordert wurden, dass sich MigrantInnen zum Grundgesetz bekennen müssen, wenn
sie in Deutschland leben wollen. Das führte zu heftiger Kritik anderer
NutzerInnen des Partisan.net. Sie sprachen von einem Backlash und warnten vor einer
rassistischen Kampagne in linkem Gewand. Langer mahnte die KritikerInnen ab
und forderte sie auf, sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu
bekennen, wenn sie weiterhin ihre Texte bei Partisan.net veröffentlichen
wollten. Daraufhin eskalierte der Streit. Schubert sperrte zunächst die
Langer-Texte, der revanchierte sich wenige Tage später mit der Lösung der gesamten
Seite. Schubert sieht darin einen "widerrechtlichen Diebstahl der Homepage" und
hofft so schnell wie möglich an die Zugangscodes zu kommen um die Seite wieder
online zu stellen. Das ist auch das Interesse der zahlreichen
HomepagenutzerInnen, die sich durch die Löschung massiv in ihrer Arbeit behindert sehen.
Die beiden seit der APO-Zeit politisch aktiven Berliner Lehrer Langer und
Schubert hatten schon früh das Internet für die politische Kommunikation
entdeckt, weil sie selber von Zensurmaßnahmen betroffen waren. Die von ihnen im
Rahmen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) herausgegebene Zeitung
trend war der Gewerkschaftsbürokratie zu frech und unabhängig und wurde von
ihr 1994 eingestellt. Sie existierte fortan weiter als "Onlinezeitung für die
tägliche Wut", so die Selbstbezeichnung.
Zunächst war sie bei dem Server Berlin.net gehostet. Nachdem es auch dort zu
politischen Unstimmigkeiten kamen, wurde Partisan.net 1998 als
strömungsübergreifende, basisdemokratische linke Internetplattform gegründet.
Verschiedenen Projekten sollte so die Möglichkeit gegeben werden, sich im Internet zu
präsentieren.
Schon ein Jahr später war es zum ersten - auch juristisch ausgetragenen -
Streit unter den NutzerInnen des Internetports gekommen. Anlass waren Texte des
ehemaligen APO-Aktivisten Bernd Rabehl, die eine Initiative ins Netz
stellte. Der aber hatte inzwischen sein nationales Coming-out und war als
Interviewpartner und Autor der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit für viele der
PartisanInnen nicht mehr tragbar.

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