Taz vom 6.4.2004 Für die BVG ist der Zug abgefahren
Linke Gruppen wollen der BVG unsoziale Entscheidungen madig machen - mit
Demos und kollektivem Schwarzfahren
Nach der samstäglichen Riesendemo gegen Sozialabbau widmen sich zahlreiche
linke Gruppen jetzt wieder dem Widerstand gegen Kürzungen, die jeder im Alltag
spürt. Ein besonders dankbares Angriffsziel bieten die Berliner
Verkehrsbetriebe (BVG). Der Wegfall vergünstigter Tickets für Erwerbslose und
SozialhilfeempfängerInnen, die Preiserhöhungen zum 1. April und die kürzlich bekannt
gewordenen saftigen Vorstandsgehälter sorgen quer durch die Bevölkerung für
Empörung - daran wollen die AktivistInnen anknüpfen.
Die Protestpalette ist groß: Sie reicht vom kollektiven Schwarzfahren über
die Aktion "Die Kontrolleure kontrollieren" bis hin zu Demonstrationen und
Kundgebungen vor der BVG-Zentrale in Berlin-Schöneberg.
Manches ist bereits erprobt: Die erste Schwarzfahraktion fand am 10. Januar
im Rahmen der Studierendenproteste statt, damals gehörten noch Professoren
und Pastoren zu den Unterstützern. "Mittlerweile ist die Aktion ein
Selbstläufer", sagt ein Aktivist der Gruppe F.e.l.s. (Für eine linke Strömung). Die
Gruppe ist mit Studierenden- und Erwerbsloseninitiativen Teil der
"Berlin-Umsonst-Kampagne", in die auch die Schwarzfahraktionen eingebettet sind. Nicht nur
der Nahverkehr, sondern auch Schwimmbäder, Konzerte oder Ausstellungen sollen
gemeinsam und ohne Eintritt zu bezahlen genutzt oder besucht werden. Kürzlich
wurde im Kreuzberger Stadtteilzentrum Kato auf einer gut besuchten
Veranstaltung über die theoretischen Grundlagen der Schwarzfahrkampagne diskutiert.
Dirk Hauer von der Jobberinitiative "Blauer Montag" aus Hamburg begrüßt solche
Aktionen der "direkten und kollektiven Aneignung" und erinnerte daran, dass
diese nicht neu sind. Schon in den 70er-Jahren seien gemeinsame
Schwarzfahraktionen organisiert worden. Damals habe man den Fahrgästen noch Broschüren mit
Tipps zum erfolgreichen Schwarzfahren in die Hand gedrückt, so Hauer.
In den nächsten Wochen muss sich die BVG auf einiges gefasst machen: Am 17.
April ist eine Demo vom Potsdamer Platz zur BVG-Zentrale geplant. Am 19. und
26. April sind weitere Kundgebungen vor der Zentrale in Vorbereitung. Ziel
ist die Kontaktaufnahme mit den vielen Menschen, die dort Schlange stehen, weil
sie ohne Fahrschein erwischt wurden und die fällige Gebühr zahlen müssen.
Teilweise müssen die Leute bis zu zwei Stunden warten.
Die AktivistInnen hoffen auf Zuspruch. Für viele Linke hingegen ist das
Schwarzfahren gar nicht so einfach. "Ich habe ja mein Semesterticket", meinten
drei junge Zuhörer, die nach der Schwarzfahrveranstaltung gefragt wurden, ob
sie das Gehörte nicht in die Praxis umsetzen wollen. "PETER NOWAK

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [1999] [2000] [2001] [2002] [2003] [2004]