ND 02.11.04Von Argentiniens Erwerbslosen lernen?
Piqueteros diskutieren mit hiesigen Aktivisten

Von Peter Nowak
Zur Jahreswende 2001/2002 machten sie weltweit Schlagzeilen: die
organisierten argentinischen Erwerbslosen, die so genannten Piqueteros. Zwei
Aktivisten berichteten in Berlin über den aktuellen Stand der Bewegung.
Auch in Berlin trägt eine Erwerbslosengruppe mittlerweile ihren Namen:
Piqueteros. So bezeichnen sich die aktiven argentinischen Erwerbslosen.
Piquete bezeichnet dabei die Aktion der Blockade, mit der eigenen Interessen
Nachdruck verliehen wird.
Die Berliner Initiative »Anders arbeiten« hatte am Wochenende gleich zwei
Aktivisten aus Argentinien eingeladen. Während Sebastian Scolnik das eher
theoretisch arbeitende »Colectivo Situaciones« vertrat, ist Andrés Fernandez
y Nélida Jara Aktivist der Erwerbslosenbewegung aus Solano, einem Stadtteil
von Buenos Aires. Doch von großen Auseinandersetzungen hatten die
argentinischen Gäste nicht viel zu berichten. Eher von Ernüchterung und den
Mühen der Alltagsarbeit. Nach dem Aufstand 2001/2002 regiert mit Präsident
Néstor Kirchner inzwischen ein Linksperonist, der einen progressiven Diskurs
pflegt.
Das ist auch an der Piqueterobewegung nicht spurlos vorbei gegangen. Ein
Teil der Aktivisten hat sich zurückgezogen, nachdem die Bewegung durch ihre
Aktionen eine landesweite monatliche Arbeitslosenunterstützung von
umgerechnet 50 Euro pro Person erkämpft hat. »Einerseits war es ein Erfolg,
andererseits gelang es damit auch, einen Teil der Bewegung einzukaufen«,
erläutert Andrés Fernandez die Situation. In Deutschland gebe es heute eher
einen gegenläufigen Trend, so Anne Seek von »Anders arbeiten«. »In den 80er
Jahren wollte der Staat in Westdeutschland Initiativen unterstützen. Viele
unabhängige Erwerbslosengruppen lehnten das damals ab. Heute würde das Geld
angenommen. Doch der Staat finanziert uns nicht mehr«, erläuterte sie. Die
Gruppe sieht sich als Teil der autonomen Erwerbslosenbewegung, die im
Gegensatz zu den sozialdemokratischen und gewerkschaftsnahen Gruppen statt
dem Recht auf Arbeit ein Recht auf Existenzsicherung fordert.
Auch in Argentinien versucht man, Alternativen zur herkömmlichen
Arbeitsgesellschaft zu entwickeln. So arbeiten in Solano etwa 400 Familien
in genossenschaftlichen Betrieben, vor allem im landwirtschaftlichen Sektor,
aber auch in der Textil- und Lederverarbeitung. Als finanzielle Grundlage
dient hier oft die Erwerbslosenunterstützung. Zwar gibt es in jenen
Betrieben weniger Zwänge, doch Druck gibt es dennoch. Oft sind diese
Genossenschaften für die Menschen die einzige Überlebensperspektive.

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