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Telepolis vom 4.11.2004Feindbild erhalten geblieben
Peter Nowak Die Bundesregierung dürfte mit einem Präsidenten Bush besser leben als mit Kerry US-Präsident Bush bleibt für weitere 4 Jahre im Weißen Haus Viele Menschen in den USA und mehr noch in allen Kontinenten dürften enttäuscht sein. Die Bundesregierung hingegen kann ganz zufrieden sein. Sie kann mit einem Präsidenten Bush insgesamt besser leben, als mit Kerry. Nicht, dass Bundeskanzler Schröder und sein Kabinett plötzlich Frieden mit Bush geschlossen haben. Im Gegenteil: Gerade die Distanz zu den USA ist es, die ihr innenpolitisch noch zu gute kommen könnte. Schließlich wird Schröder nicht vergessen haben, dass er 2002 hauptsächlich wegen seiner US-kritischen Politik wieder gewählt worden wäre. Ein solches Szenario ist auch bei den kommenden Bundestagswahlen 2006 nicht ganz unwahrscheinlich. Der Irak dürfte bis dahin nicht befriedet sein, neue Konflikte vielleicht im Iran oder Nordkorea sind nicht ausgeschlossen. Die Bundesregierung könnte sich dann wieder damit zu profilieren suchen, dem amerikanischen Weg der Konfliktlösung nicht zu folgen. Auch ein Veto der USA gegen die Bemühungen Deutschlands, einen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu bekommen, käme der Bundesregierung im Vorfeld der nächsten Wahlen vielleicht nicht ungelegen. Einem Bundeskanzler, der sich dann wieder energisch gegen die vermeintlichen Zumutungen der US-Politik stellt und den deutschen Weg beschwört, würde das Wahlvolk vielleicht sogar Hartz IV und manche anderen sozialen Grausamkeiten vergeben. Weniger gut käme jeder denkbare Unionskandidat weg. Ein Präsident Kerry hingegen hätte die Bundesregierung in ernsthafte Schwierigkeiten stürzen können. Wie hätte sie wohl reagiert, wenn John Kerry seinem erklärten Wahlversprechen gemäß eine stärkere deutsche Rolle beim Wiederaufbau des Iraks angemahnt hätte? Wie hätte der Abgeordnete Ströbele und seine Anhänger bei den Grünen reagiert, wenn zu diesen Plänen Kerrys auch eine deutsche Beteiligung an einer multinationalen militärischen Truppe im Irak gehört hätte? Jetzt kann Ströbele frohgemut die Wähler in den USA kritisieren, dass sie mit der Wahl von Bush dessen völkerrechtlich nicht gedeckten Irak-Krieg zugestimmt hätten. Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Müller kann sich jetzt gut über den Einfluss von christlichen Fundamentalisten in den USA erregen. Sicher dürften solche Stimmen aus dem Regierungslager den Graben zu den USA nicht verringern. Aber das dürfte auch das letzte sein, was sich die Bundesregierung im Vorfeld des nächsten Wahlkampfes wünscht. Bush-Bashing stößt auf Zustimmung beim Wahlvolk weit über die Anhänger der Regierungsparteien hinaus. Selbst die CDU/CSU hat das inzwischen begriffen. Daher wird sie sich auch hüten, die Abgeordneten deswegen zu kritisieren. Sie will sich nicht noch einmal in die proamerikanische Ecke manövrieren lassen. Auch manchen Aktivisten von Attac oder der Friedensbewegung dürfte insgeheim ein Stein vom Herzen gefallen sein, als sich bestätigte, dass der alte Präsident auch der neue sein wird. Unter der Kerry-Administration hätten sie vielleicht wieder etwas mehr Kapitalismusanalyse und -kritik betreiben müssen. Mit Bush ist ihnen ihr Feindbild erhalten geblieben. Nur zugeben werden es die wenigsten. |