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ND 09.01.04Nackte Fakten Politische Gefangene
Von Peter Nowak
Mit dem Sonnenaufgang ist der Feind gekommen.« Mit diesen prosaischen Worten schildert der türkische Linke Seyit Ali den Morgen des 19. Dezember 2000. An diesem Tag stürmte schwerbewaffnetes Militär fast 20 Gefängnisse in der Türkei. 28 Gefangene kostete diese Aktion das Leben. Sie wurden erschlagen, sind im Gasnebel erstickt oder Opfer ausbrechender Brände geworden. Zum dritten Jahrestag des traurigen Geschehens erinnerte ein kleiner Kreis von Freunden der betroffenen politischen Gefangenen mit Protesten vor türkischen Botschaften und Konsulaten in diversen europäischen Staaten. Ein jüngst erschienenes Buch widmet sich der Lage politischer Gefangener in der Türkei und andernorts. Es setzt den Schwerpunkt auf Widerstand gegen Repression und Unrecht. Das macht schon der Titel deutlich. »Tondar« ist iranisch und heißt Widerstand, Unruhe. Die politischen Gefangenen werden in diesem Buch nicht als Opferlämmer dargestellt. Neben informativen Artikeln zum Alltag hinter Gittern werden auch Interviews geboten. Heiko Bugaj konfrontiert die Menschenrechtsrhetorik der türkischen Regierung und ihrer westeuropäischen Unterstützer mit der Realität in der Türkei, wo weiterhin brutal und willkürlich »verfolgt, beschlagnahmt, gefoltert und isoliert« wird. Die nackten Fakten können auch die schönsten Worte von Erdokan und seiner AKP zur Anbiederung an die EU nicht kaschieren. Der Journalist und ND-Mitarbeiter Ralf Streck kommt für das Baskenland zu einem ähnlich düsteren Fazit. »Wir erleben hier die Wiederauferstehung der spanischen Inquisition. Das ist eine intolerante Position, die, ohne es zu wissen, nur einen Millimeter vom Faschismus entfernt ist«, zitiert Streck den ehemaligen Chef der postkommunistischen Vereinigten Linken. Waren zur Zeit der Franco-Diktatur ca. 500 politische Gefangene unter oft unzumutbaren Bedingungen im Gefängnissen inhaftiert, so sind es im demokratischen Spanien ca. 700 Menschen. Und noch immer werden Menschenrechtsvereinigungen, Gewerkschaften und Zeitungen unter dem Vorwand verboten, sie hätten Kontakte zur ETA. Dabei hat sich mit Balthasar Garzon ein Richter besonders eifrig profiliert, der hier zu Lande wegen seines Haftbefehls gegen den chilenischen Diktator Pinochet hohes Ansehen genießt. Streck spricht von einer »Berlusconisierung« der spanischen Justiz. Die derzeitigen europaweiten Protestaktionen der Basken richten sich gegen eben diese fatalen Zustände. Erschütternd und besonders aufschlussreich - da wenig bekannt - ist auch das Kapitel über die Situation der Gefangenen im Iran. Ehemalige politische Häftlinge berichten über die Massaker an Leidensgefährten 1981 und 1988 und über die alltägliche, bis heute andauernde Unterdrückung jedweder noch so kleinen oppositionellen Regung. Ein eigenes Kapitel ist der Unterdrückung der Frau gewidmet. »In der islamischen Republik Iran ist die Frau dem Manne gleichgestellt. Zumindest was die Behandlung in Gefängnissen und in Folterkammern angeht.« Mit diesem bitteren Satz leitet Mojdeh Arci das Zeugnis von ihrer Gefangenname im Dezember 1982 ein, mit der ihr jahrelanger Leidensweg durch diverse Kerker der islamischen Republik begann. Dieses Buch verdient Aufmerksamkeit!
Ralf Streck (Hg.): Tondar - Geschichte und Widerstand politischer Gefangener. Pahl-Rugenstein Verlag, Bonn 2003. 380S., geb., 14,90 EUR. |