Telepolis15.01.2004Neuauflage der Strategie der Spannung?

Peter Nowak

Die Absender der explosiven Briefe an EU-Politiker und -Institutionen
sind weiterhin unbekannt
Verschiedene EU-Einrichtungen bekommen weiterhin Briefe mit explosiven
Inhalt. Vor wenigen Tagen soll abermals ein Brief abgefangenen [1]. Um
Weihnachten begann die Serie von Anschlägen, die in Medien schnell
verkürzt als Briefbombenserie gegen EU-Einrichtungen bezeichnet wurden
( "Archipel der Gewaltbereitschaft" [2]).
Zunächst explodierten in unmittelbarer Nähe des Wohnsitzes von Romano
Prodi, des Präsidenten der Europäischen Kommission zwei
Heimwerkersprengsätze. In den nächsten Tagen bekamen neben Prodi
zahlreiche EU-Einrichtungen diese ominösen Briefe. Anders als die
Etikettierung nahe legt, waren darin allerdings keine Bomben. "Diese
Umschläge enthalten keinen Sprengstoff, sondern eine brennbare
Substanz, die beim Öffnen in eine Stichflamme aufgeht", präzisierte der
Kriminologe Christian Pfeiffer.
Doch die Etikettierung erfüllte ihren Zweck. Denn schnell hatte die
italienische Regierung Anarchisten als Urheber ausgemacht und das
globalisierungskritische Spektrum bis hin zu Attac gleich mit in die
Verantwortung genommen. Schon in den vergangenen Jahren waren in
Italien NoGlobals genannten Globalisierungskritiker von der
Berlusconi-Regierung und den ihr nahestehenden Medien immer wieder in
die Nähe des Terrorismus gerückt worden ( Vom Globalisierungskritiker
zum Taliban - für Berlusconi ein kleiner Schritt [3]).
Erst vor wenigen Tagen wurden in Rom 12 bekannte
Globalisierungskritiker, darunter ein Stadtrat der Linkspartei
Rifondazione Comunista verhaftet [4], weil sie sich an den Protesten
gegen den EU-Gipfel am 4.Oktober 2003 in Rom beteiligt haben sollen.
Besonders vor dem G8-Gipfel in Genua lief die Propagandamaschinerie auf
Hochtouren. Auch damals explodierten mehrere Briefbomben, deren Urheber
nie verifiziert werden konnten.
Manchen Beobachter fühlen sich an die Strategie der Spannung im Italien
der 70er Jahre erinnert ( 92 Patronenhülsen, ein Balletttänzer und die
CIA [5]). In der ursprünglich vom CIA konzipierten und von Netzwerken
wie P2 und Gladio ausgeführten Strategie wurden Terroranschläge
inszeniert, für die dann die Linke verantwortlich gemacht wurde. Selbst
anarchistische Gruppen waren zu diesem Zweck gegründet worden. Das Ziel
dieser Strategie bestand darin, die öffentliche Meinung nach Rechts zu
drehen und eine Regierungsbeteiligung der in den 70er Jahren starken
Kommunistischen Partei zu verhindern. Zahlreiche Linke wurden verfolgt
und saßen teilweise jahrelang unschuldig in Haft.
Schnell wurde die Vermutung geäußert, dass die jüngsten Aktionen eine
Neuauflage der Strategie der Spannung sein könnte, um den
globalisierungskritischen Widerstand zu kriminalisieren. Viele
italienische Linke ordnen auch die den angeblich neuformierten Roten
Brigaden zugeschriebenen Morde an Sergio D'Antona und Marco Biagi in
diese Strategie der Spannung ein. Weitere Nahrung erhielten diese
Spekulationen durch den ungeklärten Tod des Informatikers Michele
Landi [6], der mit der Polizei bei der Aufklärung der Morde
zusammenarbeitete [7]. Der in seinem Haus erhängt aufgefundene Landi
soll kurz vor seinem Tod gegenüber Freunden geäußert [8] haben, dass
er große Angst habe, weil er erschütternde Hintergründe aufgedeckt
habe.
Einige Ungereimtheiten der jüngsten Anschlagsserie verstärken die
Zweifel. So hat sich eine "anarchistische und antiautoritäre Bewegung"
zu den Anschlägen bekannt. Die italienische Abkürzung lautet FAI ist
identisch mit der gewaltfreien Federazione Anarchica Italiana, die sich
auch sogleich von den Anschlägen distanzierte [9]. Auch der Inhalt
einiger Pakete, mit denen die Explosivstoffe verschickt worden, lässt
Zweifel an einer Urheberschaft linker Gruppen aufkommen. So enthielt
die an Prodi adressierte Sendung das Buch "Lust" des nationalistischen
und faschistenfreundlichen Schriftstellers Gabriele D'Annunzio.
In der letzten Erklärung der anonymen Feuerwerker wird vor einem
marxistischen Krebsgeschwür [10] gewarnt. Diese Terminologie ist wohl
bei den Freunden von Annunzio, nicht aber in linken Kreisen üblich.
Schon gar nicht bei den radikalen EU-Kritikern Europposizione [11],
das von der italienischen Regierung offen mit den Briefen in
Zusammenhang gebracht [12] wurde. In dem erst vor wenigen Monaten
gegründeten Bündnis arbeiten neben Autonomen und Anarchisten auch
Marxisten mit.
Mittlerweile wollen die italienische Behörden für die explosiven Briefe
eine Gruppe verantwortlich machen, in der neben Anarchisten auch Links-
und Rechtsextremisten mitarbeiten und die Verbindungen nach Spanien,
Frankreich und Griechenland habe.

Links

[1]
http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID2804198_TYP6_THE_NA
VSPM1_REF
[2]
http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/16475/1.html
[3] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/11217/1.html
[4] http://www.taz.de/pt/2004/01/13/a0119.nf/text
[5] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/12165/1.html
[6] http://www.michelelandi.it/index.html
[7]
http://www.ballhausplatz.at/johcgi/ball/TCgi.cgi?target=thema&thema=93&I
D_News=1277
[8]
http://www.gazette.de/Archiv/Gazette-Juli2002/Saltini03.html
[9]
http://www.federazioneanarchica.org/archivio/20031228cdc.html
[10] http://de.indymedia.org/2004/01/71608.shtml
[11] http://www.europposizione.org/
[12] http://www.tages-anzeiger.ch/dyn/news/ausland/336297.html

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