Scheinschlag 09/04Soldiner Kiez verleumdet!
Der Soldiner Kiez machte in der letzten Zeit meistens negative Schlagzeilen.
Das Bild einer Verslumung wurde oft von Medienarbeitern auf der Suche nach
einer schnellen Story produziert. Auch das Quartiersmanagement benutzt oft
das Ghettoklischee, vielleicht auch um die eigene Unentbehrlichkeit zu
demonstrieren. Die Bewohner reagierten häufig empört auf solche
Schnellschüsse. Sie fühlen sich in ihrem Kiez wohl und haben nicht das
Gefühl, im Slum zu wohnen.
Eine Umfrage der AG Kiezforschung im Soldiner Kiez e.V. gibt jetzt den
Gefühlen der Bewohner eine wissenschaftliche Grundlage. Dabei ging es den
Mitarbeitern nicht von vornherein darum, Kritik am Kiez abzuwenden. "Das
Ergebnis stand nicht von vornherein fest", betont Thomas Kilian. Der
langjährige Bewohner des Soldiner Kiezes ergriff mit Freunden die
Initiative, um eine eigene Befragung durchzuführen. Weil sie alleine die
Arbeit nicht schafften, suchten sie per Aushang an den Universitäten
erfolgreich Mitstreiter. Sie machten sich über ähnliche Forschungsprojekte
kundig, erarbeiteten Fragebögen und begannen dann mit den Interviews.
Insgesamt 24 Bewohner des Soldiner Kiezes nahmen an den Befragungen teil.
Zwar kann die Umfrage damit kaum als repräsentativ gelten, doch wurde
immerhin darauf geachtet, daß sich die unterschiedlichen Milieus, die dort
leben, auch in den Befragungen widerspiegeln.
Die Fragen drehen sich um die eigene Einstellung zum Kiez, um die Sichtweise
der eigenen Familie auf ihr Lebensumfeld. Außerdem wollten die Kiezforscher
wissen, was die Befragten von den Pressemeldungen über den Kiez halten. Im
dritten Block ging es um die konkrete Lebenssituation der Bewohner, das
Verhältnis zur Nachbarschaft und zu den Ämtern. Die Auswertung hat deutlich
gemacht, daß das Ghetto- oder Slumimage die Wirklichkeit im Kiez nicht
widerspiegelt. Zwar leben dort viele Menschen mit geringem Einkommen, die
auch häufig von Schikanen auf den Ämtern berichten ­ beispielsweise der
25jährige Erkan, der mit Frau und Kind von Sozialhilfe lebt. "Da weiß ich
manchmal nicht, ob ich meinem Kind ein Eis kaufen kann", erzählt er.
Allerdings leben dort auch viele Angehörige der Mittelschicht und haben auch
nicht vor wegzuziehen. "Mir macht der Kiez keine Angst," meinte eine
38jährige Lehrerin im Interview. Sie schätzt neben den niedrigen Mieten und
dem hohen Altbaubestand auch die Nähe zu Parks und Grünanlagen.
Als größtes Problem bezeichnen viele Bewohner das schlechte Image des
Kiezes. Das geht so weit, daß sich Besucher weigern, in den Kiez zu kommen.
Die AG Kiezforschung hofft, daß die Ergebnisse zu einer differenzierten
Sicht auf das Viertel beitragen. Am 5. November wird die AG Kiezforschung im
Soldiner Kiez e.V. die Ergebnisse erstmals im Stadtteil öffentlich
vorstellen. Auf die Debatte darf man gespannt sein.
Peter Nowak
Die Kiezkonferenz "Was ist dran am schlechten Ruf? Binnensicht versus
Außenwahrnehmung" mit dem Sozialstadtrat Christian Hanke und dem
Stadtsoziologen Hartmut Häußermann findet am 5. November um 19 Uhr in der
Andersen-Grundschule, Kattegatstraße 26, Wedding, statt.

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