Telepolis11.03.2004Kanzler, nimm mich mit auf die Reise

Peter Nowak
Gehört zur Pressefreiheit das Recht auf Mitfahrt im Kanzlerjet?
Ist der Kanzler auf seine alten Tage wieder zum linken Juso geworden?
Heckt er gemeinsam mit seinem zukünftigen SPD-Generalsekretär und
Vorgänger als Juso-Chef Uwe Benneter, der ja bekanntlich auch mal ein
ganz Linker gewesen sein soll [1], doch noch den Umsturz zumindest auf
dem Mediensektor aus?
Solche Fragen muss sich stellen, wer zur Zeit die Kontroverse [2]
zwischen Bundeskanzler Schröder und der Bildzeitung und dem Stern
verfolgt ( Der Spiegel und die Bild [3]). Dabei ist doch alles nur ein
Sturm im Wasserglas. Schröder will [4] mit Bild ausgerechnet dem Blatt
kein Interview mehr geben, von dem er sich sogar seinen
Regierungssprecher Bela Anda ausgeliehen hat. Als wäre ausgerechnet die
Bildzeitung bisher als Fachjournal für kritische Interviews bekannt
gewesen. Da hat sich der Hamburger Spiegel schon eher einen Namen
gemacht. Dass Helmut Kohl diesem Wochenmagazin kein Interview gegeben
hat, wurde achselzuckend zur Kenntnis genommen. Weder dem Spiegel noch
Kohl hat es geschadet. Warum also jetzt die Aufregung um die kalte
Schulter, die der Kanzler Bild zeigt?
Da die der SPD gehörende Druck- und Verlagsgesellschaft [5] bei der
wirtschaftlich angeschlagenen Frankfurter Rundschau [6] einsteigen
könnte, spricht der Kommentator eines Berliner Senders gleich von der
Gefahr einer Berlusconisierung in Deutschland. Spiegel Online
meint [7] lapidar: "Ärger mit der Presse? Dann kaufen wir uns eben
selbst eine Zeitung." Ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung
mutmaßt [8], die SPD will sich damit ihre Wiederwahl herbeischreiben.
Dabei vertrat die FR schon seit Jahrzehnten eine SPD-freundliche Linie.
Das hat sich auch nicht geändert, nachdem im letzten Jahr die vom
CDU-Rechtsaußen geführte hessische Landesregierung der FR eine
Finanzhilfe gewährte.
Nein, die ganze Aufregung hat wahrlich nichts mit einer
regierungsamtlichen Neuauflage der Anti-Bild-Kampagne zu tun. Auch die
Pressefreiheit ist bestimmt nicht bedroht, wenn ein Stern-Reporter
nicht mehr im Kanzlerjet mitfliegen darf. Ganz im Gegenteil: Kritischer
Journalismus wird bestimmt nicht dort produziert. Die Aufregung der
Branchenriesen Bild und Stern macht eher deutlich, wie sehr diese
Blätter Hofberichterstattung mit Pressefreiheit verwechseln.
"Kanzler, nimm mich mit auf die Reise", rufen sie. Medien, die Debatten
über die Krawatte oder die Haarfarbe des Kanzlers hochstilisieren,
mögen darauf angewiesen sein. Für die kritische Berichterstattung ist
der Arbeitsplatz nicht im Kanzlerjet oder -bungalow. Wer über die
Folgen der Regierungspolitik kritisch berichten will, ist in einer
Arztpraxis, bei einem Arbeitsamt oder ähnlichen Behörden allemal besser
aufgehoben als auf den Rockschößen der Macht.

Links

[1] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,285979,00.html
[2] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,285951,00.html
[3] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/16903/1.html
[4] http://www.ftd.de/tm/me/1078565324083.html?nv=hpm
[5] http://www.ddvg.de/
[6] http://www.fr-aktuell.de/
[7] http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,289883,00.html
[8] http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/artikel/204/28176

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