ND 13.03.04Neutraler Staat?
Interview mit Sanem Kleff, GEW-Vorstandsmitglied
Sanem Kleff ist Mitglied im GEW-Bundesvorstand und Projektleiterin der
Initiative »Schule ohne Rassismus« in Berlin.
ND: Sie sind Mitunterzeichnerin eines Offenen Briefes, in dem die Haltung
der Frauenbeauftragten der Bundesregierung Marie-Luise Beck im Kopftuchstreit
kritisiert wird. Was werfen Sie ihr vor?
Kleff: Unser Brief nimmt Bezug auf einen Aufruf unter dem Titel »Religiöse
Vielfalt statt Zwangsemanzipation«, den neben zahlreichen Frauen auch Frau
Beck unterzeichnete. In diesem Aufruf werden nur Argumente aufgeführt, die gegen
ein spezifisches Kopftuchverbot sprechen. Wir vermissen die Gegenargumente,
beispielsweise eine Kritik an den antisemitischen, demokratie- und
frauenfeindlichen Aspekten der islamistischen Bewegungen.
Sie werfen den Gegnerinnen eines Kopftuchverbots Paternalismus vor. Können
Sie diesen Vorwurf konkretisieren?
Es wird häufig vergessen, dass Frauen, die für das Kopftuch im Beruf
kämpfen, nicht hilflos und in Traditionen verhaftet, sondern emanzipiert sind und
klare politische Vorstellungen haben. Die Unterzeichnerinnen des von uns
kritisierten Aufrufes sprechen auch viel von muslimischen Frauen, aber
offensichtlich nicht von uns. Wir sind Frauen aus islamischen Ländern. Mit diesen
Erfahrungen im Hintergrund haben wir eine größere Sensibilität für die Gefahren des
Islamismus entwickelt, als die Frauen, welche die Auseinandersetzung nur aus
deutscher Perspektive wahrnehmen.
Ist ein Kopftuchverbot die richtige Antwort auf diese Gefahren?
Wir haben uns in unserem Brief bewusst nicht für ein Kopftuchverbot
ausgesprochen. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts hat deutlich gemacht, dass es
nicht um die Frage für oder gegen ein Kopftuchverbot gehen kann. Alle
religiösen Symbole müssen gleich behandelt werden. Entweder verschwinden alle aus
der Schule oder auch das Kopftuch nicht. Diese Grundsätze wurden schon vor
Jahren beim so genannten Kruzifix-Urteil hervorgehoben. Solange die christlichen
Religionen die besondere Unterstützung des Staates genießen, ist es klar,
dass andere religiöse Gruppen für sich dieses Recht ebenfalls beanspruchen
können. Eine religiöse Vielfalt ist nur bei völliger religiöser Neutralität des
Staates möglich.
Sollte sich Deutschland nicht an Großbritannien ein Beispiel nehmen, wo
Kopftuch tragende Frauen in allen Berufen zum Alltag gehören?
Das Modell in Großbritannien hat historische Gründe, weil dort Kirche und
Staat über die Monarchie eng verquickt sind. Ich befürchte allerdings, dass es
die demokratische Gesellschaft auf lange Sicht gefährdet, wenn sich
Parallelwelten mit eigenen Normen entwickeln. So verbieten konservative Muslime ihren
Kindern die Teilnahme am Sexualkunde- oder Sportunterricht in den Schulen,
die eigentlich für alle Schüler verbindlich sein sollten. Ein anderes Beispiel
ist die Praktizierung von Scharia-Gerichten und die Ablehnung der staatlichen
Gesetzgebung bei konservativen Moslems.

Interview: Peter Nowak

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