Telepolis 01.10.2004 Musik aus der Wohngemeinschaft Deutschland

Peter Nowak
Popkomm: Radioprojekt "FM Motor" will die deutsche Musikkultur fördern
und sieht die Debatte um den Kopierschutz als überholt an
Was haben Künstler und Bands wie Sven Regener, Annette Humpe,
Einstürzende Neubauten, Die Fantastischen Vier, Rammstein und
Rosenstolz gemeinsam? Sie unterstützen das Radioprojekt FM Motor [1],
das am 27. September auf Sendung ging und bis heute auf der Frequenz
104,1 UKW Musik on Air schickt, die in den öffentlich-rechtlichen
Radios zu wenig gespielt wird. Vor allem Bands aus dem
Independentbereich werden von dem Radio gesendet.
"Es gibt ein Leben jenseits des Mainstreams", lautet denn auch die
kecke Werbeparole von FM Motor. Die Radiomacher wollen allerdings die
Popkomm nur zum Anlass nehmen, um ihr Projekt vorzustellen, das sie für
zukunftsträchtiges Radio halten. Der Sender hat sich um die Frequenz
106,8 beworben und würde bei einem positiven Bescheid ein
24-Stundenprogramm anbieten.
Besonders optimistisch ist Tim Renner [2] von der
FM-Motor-Geschäftsführung. Denn der Sender hat den Anspruch, die
Interessen von Radiohörern und Künstlern gleichermaßen vertreten zu
können. "Es geht darum, die lebendige Vielfalt der deutschen
Musikkultur abzubilden", heißt es in der Pressemitteilung. Die
Radiovorstellung soll eine teuere Videoproduktion ersetzen. Der Sender
will auch bei der Verbreitung der Musik neue Wege gehen. Jeder Song,
den FM Motor spielt, soll dem Hörer gleich zum Kauf angeboten werden.
Parallel zur Ausstrahlung würde er im Internet per Download zu erwerben
sein. Damit knüpft Timm Renner an ähnliche Projekte bei Universal Music
an. Dort hatte er mit Popfile [3] Deutschlands erstes Musikportal im
Internet aus der Taufe gehoben.
Die FM-Motor-Macher wollen sich mit Kopierschutz-Debatten, die von der
Musikindustrie noch immer forciert werden, nicht mehr länger aufhalten.
Für sie ist längst entschieden, dass Musikträger mit Kopierschutz keine
Zukunft haben werden. Eine solche Debatte könne auch nicht im Sinne der
deutschen Musikindustrie sein, meint Renner. "Der Kopierschutz mindert
die Qualität der Musikträger. Wir müssen technische Ideen entwickelt
und verbreiten, die das Geschäft befördern."
Der Musikmanager Peter James konnte Renner auf der Pressekonferenz nur
bestätigen. Der Independentbereich, aus dem James kommt, hat das
Downloading anders als die Majorlabels in der Regel nicht als
unerwünschte Konkurrenz bekämpft, sondern als Werbemöglichkeit oft
sogar recht positiv gesehen.
Auch Hans-Dieter Groffmann von der Musik- und Internetplattform
Fairtunes [4] hält die Debatte um den Kopierschutz für überholt und
anachronistisch. Fairtunes ist vom Fachbereich Kommunikation der
Universität Darmstadt [5] und der Fraunhofer Gesellschaft [6]
entwickelt worden und hat in Zusammenarbeit mit FM Motor während der
Popkomm den ersten Praxistest absolviert. Während des Showcases können
elf deutschsprachige Musikakts herunter geladen werden. Ende 2004 soll
Fairtunes einsatzbereit sein. Dann wird das Herunterladen allerdings
nur noch kostenpflichtig möglich sein. Die genauen Kosten konnten auf
der Pressekonferenz nicht genannt werden. Schließlich habe da auch die
Gema [7] noch ein Wörtchen mit zu reden, erinnert Grroffmann.
Das sehr modern daher kommende Radio FM Motor macht gleichzeitig
deutlich, dass auch die Debatte um die Musikquote deutschsprachiger
Songs schon längst anachronistisch ist. Der Sender redet nicht mehr
darüber, sondern praktiziert es einfach. "Gesendet werden
ausschließlich Produktionen nationaler und in Deutschland lebender
internationaler Künstler", heißt es ganz selbstverständlich in der FM
Motor-Selbstdarstellung.

Links

[1] http://www.motor.de
[2] http://www.motor.de/kuenstler/245/TimRenner
[3] http://www.popfile.de/
[4] http://www.fairtunes.de/fairtunes/portal/home.do
[5] http://www.is.tu-darmstadt.de
[6] http://www.ipsi.fraunhofer.de/orion/
[7] http://www.gema.de

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