Telepolis8.2.04"Die israelische Regierung spricht nicht in unserem Namen"
Peter Nowak

Interview mit Richard Kuper, dem Generalsekretär der Organisation
"Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost"
Richard Kuper wurde 1941 in Johannesburg (Südafrika) geboren, wo er als
aktiver Zionist seine Jugend verbrachte. Seit 1961 lebt er in
Großbritannien, wo er als Universitätsdozent und Verleger arbeitet. Er
ist Generalsekretär der Organisation Europäischen Juden für einen
gerechten Frieden in Nahost [1], die kürzlich auch eine Sektion in
Berlin gegründet [2].
Warum haben Sie unabhängig von den Jüdischen Gemeinden die EJJP
gegründet?
Richard Kuper: Wir wollen damit eine andere jüdische Stimme zum
Nahostkonflikt in Europa zu Gehör bringen. Denn die israelische
Regierung spricht nicht für alle in Europa lebenden Jüdinnen und Juden.
Zu den Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten,
die auch gegen die Genfer Konvention verstoßen, sagen wir laut und
deutlich: Nicht in unserem Namen. Wir fordern das sofortige Ende der
Besatzung des Gazastreifens, des Westjordanlandes und Ost-Jerusalem
sowie die Anerkennung der Grenzen von 1967 und die vollständige Räumung
aller jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten.
Wie stark ist Ihre Organisation?
Richard Kuper: Die EJJP ist eine Förderation aus 18 jüdischen
Gruppen in neun europäischen Ländern. In Deutschland wurde erst vor
einigen Wochen die erste Gruppe gegründet. Bei uns sind sowohl
Zionisten, Nichtzionisten als auch einige Antzionisten organisiert.
Wobei wir wahrscheinlich der Mehrzahl der Antizionisten zu moderat
erscheinen. Unsere programmatische Grundlage ist die
Abschlusserklärung, die wir uns auf einer Konferenz im September 2002
in Amsterdam gegeben haben. Das Interesse an unserer Arbeit nimmt unter
der jüdischen Bevölkerung zu, denn die von Unruhe über die gegenwärtige
Politik Israels wächst dort auch.
Welche Forderungen habt Sie an die Länder der EU?
Richard Kuper: Wir fordern alle Mitgliedstaaten der EU auf,
Stellungnahmen gegen den Mauerbau, der jetzt im Westjordanland von der
israelischen Regierung vollzogen wird, vor dem Internationalen
Gerichtshof einzureichen. Außerdem ersuchen wir um Unterstützung der
Genfer Verhandlungen, die geeignet sind, den Friedensprozess im Nahen
Osten zu fördern. Außerdem bitten wir das Europäische Parlament, die
privilegierten Handelsbeziehungen zwischen Israel und der EU
auszusetzen, solange die Menschenrechtsverletzungen gegen die
palästinensische Bevölkerung andauert. Diese Forderung hat allerdings
nichts mit den Boykottaufrufen [3] bei wissenschaftlichen Kontakten
zwischen Europäern und Israelis zu tun, die wir als Organisation
ausdrücklich nicht unterstützen.
Sind solche Forderungen in einer Zeit sinnvoll, wo der Antisemitismus
in vielen europäischen Ländern zunimmt?
Richard Kuper: Wir sind wohl bewusst, dass der Antisemitismus
weltweit zunimmt, nicht zuletzt in einigen europäischen Ländern. Wir
wollen diese Gefahren in keiner Weise bagatellisieren. Doch es ist
nicht antisemitisch, die israelische Politik zu kritisieren. Wir rufen
alle progressiven Kräfte in Europa auf, sowohl gegen den Antisemitismus
als auch gegen die israelische Besatzung zukämpfen. Wir beziehen uns
dabei auf die Werte der jüdischen Toleranz und Nächstenliebe.
Ist es nicht einseitig, im Nahostkonflikt nur die israelische
Regierung und nicht auch die islamistischen Organisationen zu
kritisieren, die mit ihren Selbstmordattentaten ebenfalls jeden
Friedensprozess verhindern?
Richard Kuper: Wir verurteilen die barbarischen Selbstmordattentate
ohne Wenn und Aber. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Besatzung
und die Menschenrechtsverletzungen der israelischen Regierung nicht die
Folge dieser Anschläge sind, sondern ihnen vorausgingen.
Wie wird Ihre Initiative in Israel aufgenommen?
Richard Kuper: Die israelische Gesellschaft ist bereit, sich
kritischen Fragen zu stellen. Obwohl der politische Mainstream weit
rechts angesiedelt ist, gibt es selbst in den führenden Medien
kritische Stimmen zur israelischen Politik. Ihnen wollen wir mit
unserer Initiative unsere Unterstützung geben.

Links

[1]
http://www.jfjfp.org/EJJP_confmar03.htm
[2]
http://www.nadeshda.org/foren/cl.regionen.palaestina/p189s205a20.html
[3]
http://www.palestinemonitor.org/petitions/call_for_boycott_german.htm

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