TELEPOLIS30.11.2004Medienaktivismus in der Bewegungflaute
Peter Nowak

Beim ersten bundesweite Media-Acivist-Gathering blieben die Aktivisten
von Indymedia weitgehend unter sich
"Vernetzung der freien und unabhängigen Medien: Quantensprung in der
medialen Evolution - Visionen und Strategien?" Unter diesem
komplizierten Obertitel stand eine Open-Space-Konferenz [1], die zu
Höhepunkt des ersten bundesweiten Media-Activist-Gathering [2] gehörte
vgl. auch Ziviler Ungehorsam im 21. Jahrhundert [3]).
Zum fünften Jahrestag von Indymedia [4] zogen Medienaktivisten Bilanz
und planten weitere Schritte. Das Resümee des ambitionierten Programms,
zu dem neben der Konferenz auch die Media-Gathering Messe gehörte, ist
zwiespältig. Einerseits hat sich der Medienaktivismus verbreitert,
andererseits bleibt man unter sich.
Mittlerweile gibt es zahlreiche Gruppen, die mit einer Videokamera
arbeiten und die Filme dann entweder ins Internet stellen oder günstig
verbreiten [5]. Projekte wie Kanal-B [6] oder Labour-B haben in der
letzten Zeit einen beachtlichen Output gehabt. Auch zahlreiche
Radioprojekte, vor allem in Universitätsstädten [7], stellten auf der
Messe ihre Arbeit vor. Doch die Besucher der Veranstaltungen waren
größtenteils selber Medienaktivisten. So konnte man sich vorzüglich
über die eigene Projekte austauschen. Doch der Brückenschlag zu den
Bewegungen, die sich nicht zu den Medienaktivisten zählten, aber
durchaus daran Interesse haben könnte, ist nicht gelungen.
Bei den Protesten gegen Hartz IV haben sich beispielsweise viele
Betroffene, die erstmals auf einer Demonstration waren, sicherlich über
die vielen Kameras gewundert, die dort von den Aktivisten mitgeführt
wurden. Viele ließen sich vor der Kamera auch über ihre Beweggründe
für die Demoteilnahme befragen. Den Schritt aber, selber Teil eines
Medienkollektivs zu werden und beispielsweise den Alltag auf dem
Arbeitsamt oder anderen Behörden zu dokumentieren, machen nur wenige.
So kommen die Medienaktivisten in erster Linie aus dem universitären
Milieu.
Das spielt beispielsweise bei der Frage eine Rolle, wo man breitere
Kreise der Bevölkerung mit den Produkten des Medienaktivismus
konfrontiert. So werden bei dem Prinzip der Videoguerilla an
öffentlichen Plätzen Kurzfilme mit gesellschaftlichen Inhalten gezeigt.
Dabei spielt der Überraschungsmoment eine wichtige Rolle. Beim Public
Screening hingegen werden die öffentlichen Filmvorführungen vorher
angekündigt. Hierbei steht die bewusste Vermittlung von Inhalten im
Vordergrund. Ob man mit solchen Aktionen mehr Wirkung in Stadtteilen
mit einen hohen Arbeiter- und Erwerbslosenanteil oder eher in
studentischen Gegenden erzielt werden kann, blieb auch am Wochenende
unbeantwortet.
Mehr auf ein schon anpolitisiertes Publikum zielen Medienaktivisten,
die sich auf Proteste gegen den G8-Gipfel [8] im nächsten Jahr in
Schottland vorbereiten oder sich mit eigenen Inhalten in das
Gründungstreffen des Sozialforums in Deutschland [9] im nächsten Juli
in Erfurt einklinken wollen. Sie hoffen, ein neuer Bewegungsschub
könnte auch den Medienaktivismus beflügeln. Schließlich wurde Indymedia
bei den schon legendären Auseinandersetzungen von Seattle vor fünf
Jahren gegründet. In Europa so richtig bekannt wurde es 2001, als die
globalisierungskritische Bewegung von Gipfel zu Gipfel zog.
Das Abflauen der Bewegungen machte sich bei Media-Activist-Gathering
an der geringen Teilnehmerzahl der Besucher bemerkbar. Die
Eintrittspreise waren zumindest keine Hürde. Nach dem Indymediaprinzip
wurde alles auf Spendenbasis angeboten. Auch für das Anschauen der
Filme aus dem Bereich des Antirassismus und der Globalisierungskritik,
die noch bis zum 1. Dezember in 7 Berliner Kinos gezeigt werden,
braucht man kein Ticket. Trotzdem bleibt der erwartete Ansturm aus.

LINKS

[1]
http://www.openspaceworld.com
[2] http://mag04.net/
[3] http://www.telepolis.de/r4/artikel/18/18887/1.html
[4] http://www.de.indymedia.org
[5] http://www.cineoffensive.tk/
[6] http://www.kanalb.de/
[7] http://www.unimut.de/
[8] http://g8resist2005.de.vu
[9] http://www.sozialforum-von-unten.de.vu

[Index] [Nowak] [Thematisch] [vor1999] [1999] [2000] [2001] [2002] [2003] [2004]