ND 18.03.04Die Barrios der Revolution
Kanal B-Video über die bolivarianische Basis von Präsident Hugo Chávez
Von Peter Nowak

Das von der Opposition geplante Referendum gegen den Präsidenten Hugo Chávez
spaltet weiter Bevölkerung und Justiz. Die Inhalte der bolivarianischen
Revolution geraten so in den Hintergrund. Ein Video von Kanal B setzt einen
Kontrapunkt.
Der für Wahlrechtsfragen zuständige Senat des Obersten Gerichtes in
Venezuela hat ein Urteil zu Gunsten eines Amtsenthebungsreferendums gegen Präsident
Hugo Chávez gefällt. Die Wahlbehörde müsse ihre »vorläufigen Einwände« gegen
rund 876000 von insgesamt 3,4 Millionen Unterschriften, die die Opposition für
die Einberufung des Referendums gesammelt hatte, sofort fallen lassen.
Einem Referendum stünde damit nichts mehr im Wege. Der für
Verfassungsstreitfälle zuständige Senat am selben Gericht bestreitet hingegen schon die
Zuständigkeit des Wahlsenats und hält die Entscheidung für nichtig. Symptomatisch
für das polarisierte Venezuela. Allein Anfang März sind bei Demonstrationen
von Chávez-Gegnern und -Befürwortern neun Menschen getötet und rund 1600
verletzt worden.
Selbst in linken Kreisen ist noch relativ wenig bekannt über das aktuelle
politische Geschehen im südamerikanischen Staat Venezuela. Manche wissen
vielleicht noch, dass das Land der drittgrößte Öllieferant der Welt ist. Doch über
den Charakter der von Hugo Chávez propagierten bolivarianischen Revolution
gibt es die unterschiedlichsten Einschätzungen. Selbst in linksliberalen Medien
wird Chávez als autoritärer Militär und Linkspopulist tituliert.
Kürzlich ist im kleinen Berliner Unternehmen Kanal B ein Video erschienen,
dass zumindest einige Wissenslücken über Venezuela schließen könnte. Die drei
italienischen Filmemacher Elisabetta Andreoli, Gabriele Muzio und Max Pugh
verbergen ihre Sympathie mit der bolivarianischen Revolution in Venezuela
nicht. Selbst wenn die Anzahl der gezeigten Chávez-Poster recht groß ist, handelt
es sich hier nicht um einen plumpen Propagandastreifen.
Die Stärke des Filmes besteht darin, dass sich das Filmemachertrio nicht in
den Ministerin und Regierungspalästen, sondern in den Barrios rund um Caracas
aufhält. Die dort lebenden ärmeren Teile der Bevölkerung sind die
Massenbasis des Chávismus. Doch sie sind nicht willenlose Claqueure eines Populisten,
wie es hier zu Lande in den Medien gerne dargestellt wird. In dem Film wird
gezeigt, dass sich die Menschen in den Barrios schon seit Jahren selbst
organisiert haben, um die unmittelbaren Bedürfnisse des täglichen Lebens zu
bewältigen. Dazu gehört die Errichtung von Sportplätzen ebenso wie die
Hausaufgabenhilfe für die Kinder oder die Reparatur der sanitären Anlagen.
»Uns gab es vor Chávez, und wir werden auch weiter kämpfen, wenn es Chavez
irgendwann nicht mehr gibt«, diese selbstbewusste Aussage eines Aktivisten
gibt die Stimmung dieser Basisbewegungen gut wieder. Zur Zeit allerdings
verteidigen sie die Regierung Chávez, weil sie jetzt bessere Bedingungen für ihre
Arbeit haben. Ihnen ist es auch zu verdanken, dass der Putschversuch im April
2002 nach zwei Tagen scheiterte. Auch die Betreiber freier Radios kommen in
dem Film zu Wort, die allen Barriobewohnern, die Gelegenheit geben, ihre
Meinung über den Äther zu senden. Das ist wahrlich revolutionär in einem Land, in
dem sich der Großteil der Medien in den Händen der kleinen Oberschicht
befindet.
In Deutschland wurden mittlerweile auch Solidaritätsgruppen gegründet, die
den revolutionären Prozess in Venezuela unterstützen wollen. Der Film liefert
Hintergrundinformationen und kann dazu beitragen, über das Geschehen im Land
aufzuklären.

Venezuela - ein anderer Weg ist möglich - von Elisabetta Andreoli, Gabriele
Muzio und Max Pugh, 80 min. Der Film kann bestellt werden über Kanal B,
Reichenbergerstrasse 121, 10999 Berlin, Tel.: 030/ 61626999, Email:
kanalB_de_redaktion@kanalB.org

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