ND 29.06.04Reise nach Jerusalem
Die Wochenzeitung »Jungle World« produzierte ihre aktuelle Ausgabe in Israel
Von Peter Nowak

Made in Israel« heißt es auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe der linken
Wochenzeitung »Jungle World«. Ein Ernst gemeinter Hinweis. Denn die
Redaktion war mit Computern und anderer notwendigen Gerätschaften für fast
zwei Wochen aus der Berliner Bergmannstraße in einen israelischen Kibbuz
gezogen. Dort wurde die aktuelle Ausgabe produziert, und in ihr nimmt die
Politik Israels und seiner Nachbarstaaten den größten Raum ein. Berichte aus
Deutschland finden sich hingegen nur verstreut unter der Rubrik
Internationales.
Diesen interessanten Rollentausch unternimmt die »Jungle World« schon seit
sieben Jahren jeweils im Sommer. Dänemark, Italien, Kroatien, Tschechien,
Polen und Frankreich waren bisher die Ziele des Betriebsausfluges. In diesem
Jahr hat die Redaktion erstmals den europäischen Kontinent verlassen, was
nur durch einen finanziellen Zuschuss der Bundeskulturstiftung möglich war.
Doch diesmal hat sich die »Jungle World« auch politisch ein hochbrisantes
Ziel ausgesucht. Schließlich hat der Diskurs um Israel und die Deutung des
Nahostkonflikts die Zeitung seit ihrer Gründung 1997 begleitet. Damals
erfolgte die Abspaltung von der Tageszeitung »junge Welt« auf Grund
politischer Differenzen. Die Beurteilung Israels spielte dabei eine nicht
unwesentliche Rolle. So steht bei der Nahost-Berichterstattung der »Jungle
World« Israels Rolle als Zufluchtsstätte der Überlebenden der Shoah im
Mittelpunkt. Kritik an der aktuellen israelischen Politik in den besetzten
Gebieten hingegen wurde aus Furcht vor Zustimmung von der falschen Seite
kaum geäußert.
Der Israel-Ausgabe gelang der Spagat, eine realistische Zustandsbeschreibung
im Nahen Osten zu liefern, ohne in antiisraelisches Fahrwasser zu geraten.
Dazu haben auch freie Mitarbeiter beigetragen, die Artikel zu dieser Ausgabe
beisteuerten. So wird der in Israel heiß diskutiere Roman »Checkpoint
Syndrome« besprochen, in dem der ehemalige Soldat Liran Ron Furer über die
alltäglichen Demütigungen berichtet, denen palästinensische Menschen an den
israelischen Checkpoints ausgesetzt sind. »Väter werden gedemütigt, bis sie
weinend vor ihren Kindern zusammenbrechen, einem Behinderten wird das
Gesicht zu Brei geschlagen«.
Dieser Realität werden die unterschiedlichen Facetten des israelischen
Lebens gegenübergestellt. Berichtet wird über die Schwulen und Lesben, die
sich wie in vielen Ländern auch gegen Angriffe der Ultrareligiösen wehren.
Ein Einblick in die israelische Kultur abseits vom Mainstream wird gegeben.
Leider bleibt die soziale Lage der israelischen Bevölkerung weitgehend
ausgeblendet. Ein Besuch bei Gewerkschaftern hätte da vielleicht Abhilfe
schaffen können.
Der Beitrag des Deutschlandkorrespondenten der israelischen Tageszeitung
Yediot Ahronot Eldat Beck ist nur ärgerlich. Der rechte Hardliner
präsentiert wieder die Legende, dass vor der Gründung Israels auf dem
Territorium keine Menschen gelebt haben. Hat man den Beitrag aufgenommen, um
jene Minderheit von Sharon-Anhängern in der deutschen Linken zufrieden zu
stellen, für die jede Kritik an der israelischen Regierungspolitik ein
Sakrileg ist? Dann scheint das Kalkül nicht aufgegangen. In der aktuellen
Ausgabe findet sich unter den Leserbriefen die Kündigung eines Abonnements
mit folgender Begründung. »Wer sich als Redaktion in Israel gegen den
Sicherheitszaun ausspricht, wird nicht erwarten können, dass ich solch ein
Projekt weiter stütze.« Die Kündigung erfolgte, bevor die Ausgabe überhaupt
im Druck war.

www.jungleworld.com

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