Direkten Aktion05/04 Junge Welt-MitarbeiterInnen haben sich organisiert
Fast jeder freie Journalist kennt die Klage: "Wenn wir nach Tarif bezahlt
würden, wären wir die finanziellen Sorgen los." Tatsächlich zahlt kaum eine
Zeitung Tariflohn. Das betrifft auch Zeitungen, die den Anspruch haben,
gewerkschaftliche Positionen in ihrer Berichterstattung zu unterstützen. In
diese Kategorie gehört auf jeden Fall die laut Selbstdarstellung
"marxistische Tageszeitung" junge Welt. Gewerkschaftliche Kämpfe haben in
der Berichterstattung des Blattes Priorität. Dabei wird gerade auch linke,
klassenkämpferische Positionen Raum eingeräumt. So weit, so gut. Aber über
eine gewerkschaftliche Initiative las man in der Zeitung bisher nichts.
Dabei hätte es sicher genügend JournalistInnen gegeben, die davon hätten
berichten können. Schließlich ging es um eine Initiative von freien
MitarbeiterInnen bei der jungen Welt.
Gegründet hat sie sich, weil sie mit den Arbeitsbedingungen bei der jungen
Welt unzufrieden war. Im Vordergrund standen Fragen nach einer zügigen
Überweisung der Honorare, der Erstellung von schriftlichen Abrechnungen
oder eine Mehrfachverwertung von Artikeln.
Häufig kam und kommt es vor, dass die Honorare erst mit mehreren Monaten
Verspätung überwiesen wurden. Bei schriftlichen Abrechnungen fehlten nicht
selten genaue Auflistungen, so dass für die KollegInnen oft schwer
nachvollziehbar war, ob alle verkauften Artikel bezahlt wurden und ob
beispielsweise die Beiträge in abgedruckten oder vereinbarten Länge
vergütet wurden. Wie bei vielen anderen Zeitungen werden auch bei der jungen
Welt vereinbarte Beiträge aus Layoutgründen oft gekürzt. Es ist eine alte
gewerkschaftliche Forderung, dass die Artikel in der vereinbarten Längen
bezahlt werden.
Einen besonderen Stellenwert hatte für die jW-MitarbeiterInneninitiative die
Frage der Mehrfachverwertung von Artikeln. Da kaum ein freier Journalist von
der Arbeit für nur eine Zeitung, leben kann, ist er existentiell davon
abhängig, dass er der Beiträge verschiedenen Zeitungen anbietet. Doch schon
vor einigen Monaten hieß es von Seiten der jW, eine solche
Mehrfachverwertung sei nicht erwünscht. Aus diesem dringenden Wunsch wurde
die klare Forderung, die KollegInnen müssen sich entscheiden, für welche
Zeitung sie schreiben. Natürlich hat jede Zeitung die Möglichkeit, auf
Exklusivität ihrer Artikel zu bestehen, die müssen dann allerdings auch
extra bezahlt werden. Ansonsten hat jeder Kollege das Recht, seine Beiträge
an mehrere Zeitungen zu verkaufen.
Von Seiten der jW wurde zwar in Aussicht gestellt, Exklusivbeiträge höher
zu vergüten. Allerdings wurde bedauert, dass das leider aus finanziellen
Gründen noch nicht möglich sei. Schließlich wurde auch deutlich gemacht,
dass man zur Zeit zähneknirschend akzeptiere, dass KollegInnen ihre Artikel
mehrfach verwerte, es aber trotzdem ablehne.
Bei einem ersten Gespräch zwischen der Initiative und der jW ging es
zunächst um die atmosphärischen Verbesserungen und Fragen einer besseren
Kommunikation, z.B. bei der Vereinbarung von Texten. Das Problem bei einer
solchen Herangehensweise ist natürlich, dass die gewerkschaftliche Dimension
des Konfliktes zurückgenommen wird. Es macht sich natürlich nicht gut, wenn
einer Zeitung mit gewerkschaftlicher Berichterstattung nachgesagt wird, dass
sie im eigenen Haus nicht unbedingt selbst gewerkschaftliche Rechte
praktiziert. Dabei ist das längst nicht nur bei der jungen Welt die
Realität.
Die Freien sind in einer besonders prekären Lage, weil sie keine festen
Einkünfte haben, sondern auf die ständige Abnahme ihrer Beiträge angewiesen
sind. Gerade junge KollegInnen, die noch nicht mit vielen Zeitungen im
Kontakt sind, müssen sich da mehr Sorgen machen. Wenn sie zu sehr auf
gewerkschaftlichen Rechte pochen, gibt es auf einmal bei ihrer Zeitung keine
AbnehmerInnen mehr. Außerdem ist gerade auf dem journalistischen Sektor der
Ausbeutungsgrad besonders hoch. Die Kernredaktionen werden immer mehr
verschlangt. Die Freien wiederum sind Ich-Ags, die sich selber versichern,
ihr Arbeitsgerät (Computer, Kamera) in Ordnung halten müssen und bei Urlaub
und Krankheit finanzielle Einbußen haben. Die individuelle Arbeitsweise
macht eine gemeinsame Interessenvertretung nicht einfach. Daher sind kleine
Beispiele, wie die beschriebene jW-Initiative, ein Schritt in die richtige
Richtung. Das könnte ein Beispiel sicher auch für viele anderen Medien
sein.

Peter Nowak

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