ND 27.01.04Der Traum von einer »rechten taz«
Die nationalistische Wochenzeitung »Junge Freiheit« will sich zum 10.
Jubiläum ins Gespräch bringen

Von Peter Nowak und Velten Schäfer
Wer am Wochenende am Zeitungskiosk die linksliberale Berliner Tageszeitung
»taz« kaufen wollte, könnte erstmals mit der rechten Wochenzeitung »Junge
Freiheit« Bekanntschaft gemacht haben. Nun wissen zumindest regelmäßige
»taz«-Leser durchaus zu schätzen, dass die einst alternative Tageszeitung auch nach
ihrer Etablierung am Zeitungsmarkt noch immer für Überraschungen gut ist. Das
zeigte sich erst vor einigen Monaten, als sie ihre Jubiläumsausgabe von ihren
erklärten »Lieblingsfeinden«, darunter Bild-Chefredakteur Kai Diekmann,
gestalten ließ. Für die »Satire-taz«, die in dieser Woche an den Kiosken hängt,
ist allerdings nicht die »taz«-Redaktion in der Berliner Kochstraße, sondern
die ebenfalls in Berlin angesiedelte »Junge Freiheit« verantwortlich.
Auf den ersten Blick ist nur schwer zu erkennen, wer hier wen parodiert:
Unter dem JF-Titel wird ein »taz«-Cover mit nachempfundenem Layout und einer
vermeintlich »taz-typischen« lockeren Überschrift präsentiert: »Schluss mit
lustig: Kids verbraten Staatsknete«. Zwar hätte das Aufmacherfoto, das
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse im Kreise leichtbekleideter Frauen zeigt, in den
Anfangsjahren der »taz« sicher zu Protesten feministischer Leserinnen geführt.
Doch läuft die rechte Satire inzwischen ins Leere. Denn mittlerweile gibt
man sich in der Kochstraße schon mal »politisch unkorrekt«. Und das nicht nur
bei der Jubiläumsausgabe zum 25-jährigen Bestehen der »taz«, wo dieser Job von
den Kollegen aus dem Hause Springer oder von Berlins letztem kalten
Medienkrieger Georg Gafron übernommen wurde.
Im täglichen Betrieb ist an der Kochstraße für das »Unkorrekte« die Seite
zuständig, die so heißt, wie das selige Zentralorgan der ebenfalls verblichenen
»Sozialistischen Einheitspartei Westberlins« (SEW): »Die Wahrheit«. Und
unter »unkorrekt« verstehen die Wahrheits-Macher weit mehr als nur entblößte
Brüste oder zotige Bemerkungen. Während der NATO-Angriffe auf Jugoslawien etwa
variierte die letzte Seite der »taz« einen hauseigenen Werbespruch aus
aktuellem Anlass: »Im Vergleich zu uns sind alle anderen weich«. Solche Satire führt
immer wieder zu Konflikten mit Teilen der Leserschaft und der Redaktion.
Die rechte Konkurrenz von der Jungen Freiheit hat in dieser Hinsicht weniger
Probleme. Sie versucht, ihre in der Regel zwischen dem rechten Rand der CDU
und den Republikanern angesiedelten politischen Einstellungen mit dem Gestus
des einsamen Tabubrechers, der mutig gegen den linken Mainstream und dessen
»Gedankenpolizei« ankämpft, in neuem Gewande zu verkaufen. Vor einigen Jahren
ließ die JF-Redaktion den Slogan »PC-Nein danke« auf Aufklebern verbreiten.
Dass gerade die »taz« dabei für das rechte Intelligenzblatt weiterhin zur
Feindpresse zählt, macht JF-Chefredakteur Dieter Stein in einem Kommentar in der
Jubiläumsausgabe deutlich. »Die taz, die einmal als Verteidigerin der
Pressefreiheit angetreten ist, hat sich inzwischen zu einer der penetrantesten
Gouvernanten der political correctness in Deutschland gewandelt,« heißt es dort
wohl zur Beruhigung der eher schlichten Teile der Rechten, die mit so viel
postmoderner Crossover-Taktik nichts anfangen können. Stein beschuldigt dann die
parodierte Konkurrenz - auf einmal ohne jeden Humor -, »ihre enge Liaison mit
dem gewalttätigen Linksextremismus« nicht aufgearbeitet zu haben. Als Beweis
führt Stein an, in der »taz« würden »großflächig Bekennerschreiben
terroristischer Kommandos« veröffentlicht: »So auch das Bekennerschreiben der
Terrorgruppe, die 1994 die Druckerei der JF überfallen und in Brand gesetzt hatte«.
Steins Nachkarten nach 10 Jahren ausgerechnet in einer satirisch gestalteten
Jubiläumsausgabe macht es leicht, der Einschätzung von »taz«-Medienredakteur
Steffen Grimberg zuzustimmen. »Mitnichten, Herr Stein, die JF ist keine
>rechte taz<, egal wer davon träumt«. Doch lässt sich andererseits nicht leugnen,
dass die rechte Wochenzeitung ihr Projekt, soziale, weltpolitische und
kulturelle Fragen unter nationalistischem Vorzeichen »neu« zu stellen, im
vergangenen Jahrzehnt mit einigem Erfolg betrieben hat.
Vielleicht ist der »Fall« des ehemaligen Apo-Aktivisten Bernd Rabehl dafür
symptomatisch: Der »taz«-Schreiber der ersten Stunde gehört mittlerweile zu
den ständigen JF-Mitarbeitern. Auch in der Jubiläumsausgabe des Blattes
versucht er sich an einer rechtskompatiblen Kritik der Apo-Geschichte. Auf die »taz«
ist der gewendete Rabehl indessen nicht mehr gut zu sprechen, nachdem das
Blatt öffentlich machte, dass der ehemalige 68er-Aktivist auf einem Treffen der
rechten Burschenschaft »Danubia« eine nationalistische Rede geschwungen
hatte. Diese Rede wiederum wurde seinerzeit von dem ebenfalls gründlich
gewendeten Horst Mahler, angeblich ohne Rabehls Zustimmung, an die JF weiter gegeben.
So und so ähnlich wird man zuweilen JF-Autor - auch andere »Fälle« zeigen
dies.
Etwa 10000 Exemplare der »Jungen Freiheit« sollen derzeit wöchentlich
verkauft werden. Besonders viel ist das zwar immer noch nicht, doch ist die »Junge
Freiheit« heute längst nicht mehr so randständig wie 1986, als das rechte
Zeitungsprojekt zunächst als vierzehntägiges Kopier-Pamphlet zu erscheinen
begann. Diese Annäherung an die »Mitte« dürfte jedoch weniger der Kreide
geschuldet sein, die Stein und seine Mitarbeiter inzwischen gefressen haben, als dem
Rechtsruck, den unsere Gesellschaft in den vergangenen zehn Jahren durchlaufen
hat.

Die Linke von Rechts umarmen - das »Junge Freiheit«-Dauerprojekt führt
manchmal auch zur unfreiwilligen Kopie von Protestformen der Alternativbewegung -
zum Beispiel der Sitzblockade: So ließ sich der damalige JF-Mitarbeiter
Roland Wehl im Januar 1997 von Helfern aus den Räumen des 5. Parteitages der PDS
in Schwerin tragen (Foto Printausgabe).

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