ND 16.04.04Sinnentstellende Fehler
Streit um das Erbe von Agnoli zwischen Erben und Verlag

Von Peter Nowak
Der Politologe Johannes Agnoli gehörte zu einem wichtigen Stichwortgeber der
Studentenbewegung in Westdeutschland. Mit seinem Standardweg »Transformation
der Demokratie«, das schon Mitte der 60er Jahre veröffentlicht wurde, hat
Agnoli Maßstäbe für eine linke Parlamentarismuskritik gesetzt. Daran hielt
er allerdings auch fest, als viele ehemalige Apo-Veteranen schon längst in
den Parlamenten saßen. In einer 1990 wieder aufgelegten Fassung von
»Transformation der Demokratie« hatte Agnoli ein Nachwort geschrieben, wo er
die Aktualität seiner Parlamentarismuskritik angesichts der Entwicklung der
Grünen bekräftigte. Das Buch war damals im kleinen linken Freiburger
Ça-Ira-Verlag in einer Auflage von 3000 Exemplaren erschienen. In den 70er
Jahren waren seine Bücher noch in Zehntausender Auflage in großen Verlagen
veröffentlicht worden. Im Ça-Ira-Verlag sind auch weitere Schriften von
Agnoli erschienen. Doch jetzt hat ein Rechtsstreit zwischen dem Verlag und
Agnolis Witwe das Berliner Landgericht beschäftigt. Barbara Agnoli wollte
mit einer Einstweiligen Verfügung erreichen, dass der Freiburger Verlag das
von dem Wiener Politologen Stefan Grigat herausgebene Buch »Transformation
des Postnazismus« zurückzieht. Es enthält einen Agnoli-Text, der auf einen
Vortrag im April 2001 in Wien basiert. Nach Angaben von Frau Agnoli ist der
Text ohne Zustimmung ihres Mannes in das Buch gekommen und enthalte
sinnentstellende Fehler.
Der Lektor des Ça-Ira-Verlages Joachim Bruhn versicherte in einer
Eidesstattlichen Erklärung, dass Agnoli sich nicht »der Kategorie Autor«
entsprechend verhalten habe. Er habe Vertrauen zu dem Verlag gehabt und
daher in der Regel nicht auf die Beglaubigung jedes Wortes in den Aufsätzen
bestanden. Zudem habe er nicht wie gedruckt geschrieben. Die
Veröffentlichung von Agnoli-Reden hätte immer eine immense Lektoratsarbeit
erforderlich gemacht. Sowohl Joachim Bruhns als auch der Verlagseigentümer
Manfred Dahlmann betonten vor dem Landgericht, dass ihre Verlagsarbeit vor
allem politische Zwecke habe. »Der Verlag stellte sich die Aufgabe, neben
aktueller Polemik und Kritik Literatur zu den Grundlagen der Kritischen
Theorie und des Marxschen Denkens zu publizieren«. Ökonomisch sei der Verlag
ein Zuschussgeschäft gewesen. Er sei nur durch Spenden von Freunden und
ehrenamtliche Arbeit am Leben gehalten worden, versichern Dahlmann und
Bruhns.
Auch wenn die Klägerin die Einstweilige Verfügung zurückgezogen hat, wird
der politische Streit um Agnolis Erbe weitergehen. Denn die Betreiber des
Ça-Ira-Verlages stehen dem antideutschen Spektrum nahe. Dort wurde
beispielsweise die Besetzung Iraks durch die USA als Kampf gegen den
Baathismus und islamischen Faschismus gerechtfertigt. Das sei nicht das
richtige Umfeld für den Nachlass ihres Mannes, meint Frau Agnoli. »Der
Kontext, auf den der Vortrag in diesem Buchprojekt zurechtgestutzt wurde,
entspricht nicht Agnolis politischem Denken und Handeln«, schreibt sie über
das von Grigat herausgegebene Buch. So werde dort in antideutscher Diktion
die palästinensische Bevölkerung als »Kollektiv von Selbstmordattentätern
und Moslemfaschisten« bezeichnet. Agnoli hingegen sei ein entschiedener
Gegner des Irak-Krieges gewesen. Auch der Volksbegriff ist zwischen beiden
Seiten strittig. Während Stefan Grigat in einem Aufsatz über die Parole »Wir
sind das Volk« schreibt: »Das Volk ist nichts anderes als der sich selbst
zum Maßstab setzende nationalistische Mob«, habe sich Agnoli immer positiv
auf den Volksbegriff bezogen.
Agnolis Schriften sind zu großen Teilen auch heute noch sehr aktuell. Daher
ist es besonders schade, dass »Transformation der Demokratie« nicht mehr im
Handel erhältlich ist.

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