|
Telepolis vom 17.9.04Extremisten mit Kontaktadresse?
Peter Nowak Ein angeblich in Berlin geplanter "arabisch-europäischer Kongress" ist ins Gerede gekommen und soll verhindert werden Auf den ersten Blick macht die Internetseite [1], auf der zu einem Kongress Anfang Oktober nach Berlin eingeladen wird, keinen besonders militanten Eindruck. Bilder von Demonstranten, die ein Ende der israelischen Besetzung der Westbank und des Gazas fordern, darunter ein buntes Transparent einer Gruppe "Jews agianst zionism". Auch die Teilnahmebedingungen für den Kongress könnten von einer Political-Correctness-Liste eines grünen Parteitags der frühen 80er Jahre entstammen. - Solidarität mit den Menschen unter Besatzung und unterdrückten Völkern - Anerkennung des Rechts auf Selbstverteidigung und Widerstand gegen die Besatzung bis zur Freiheit und Unabhängigkeit - Ablehnung von Krieg und Besatzung - Ablehnung von jeder Art von Rassismus und Diskriminierung - Ablehnung der Spaltung aufgrund der Religion oder des Glaubens - Respektierung der Menschenrechte & Ablehnung von Extremismus und Terror - Teilnahme an mindestens einer der Arbeitsgruppen Der Eindruck der Harmlosigkeit wird noch verstärkt durch die alles andere als konspirative Kongressvorbereitung. Sind doch nicht nur alle Emailadressen, sondern auch die Telefon- und Handynummern der Kongressorganisatoren angegeben. Seit das Simon-Wiesenthal-Center Alarm [2] schlug und in dem Kongress "kein harmloses Treffen von Arabern, sondern eine politische Plattform für den radikalen Dschihad und ein Markt zur Anwerbung von potentiellen jugendlichen Rekruten für den Terrorismus" erkannt haben will, ist die Debatte nicht mehr abgeflaut. Da wird auf Bilder und Texte einer Website [3] verwiesen, die auf der Startseite der Kongresshomepage verlinkt ist. Die dort gesammelten Fotos meist von Nachrichtenmeiden sollen die Opfer unter den Muslimen und den Widerstand dokumentieren. In den Texten werden Israel und die USA einseitig angegriffen. Die übliche Widerstandsprosa aus dem arabischen Raum, die in vielen europäischen Ländern auch Globalisierungskritiker und Antikriegsbewegte beeindruckt. Auch offenen Antisemitismus findet man. Es wird von "zionistischen Terrorbanden" oder von einem barbarischen Projekt gesprochen, das gegen die Palästinenser in Gang gesetzt werde. Im Spiegel wird jedoch auch vor einem "Gemisch aus publizistischer Besorgnis, politischem Kalkül und schlichtem Unwissen" vor allem bei den Berliner Boulevardblättern gewarnt [4] . Da wurde schon mal zum Islamistenalarm aufgerufen. Dabei gibt es für die Teilnahme religiöser Gruppen oder Personen an dem Kongress bislang keine Belege. Nach den wenigen bekannten Informationen wird der Kongress eher von arabischen Nationalisten vorbereitet. Es ist noch nicht einmal klar, ob der Kongress ernsthaft geplant wird Führende Politiker von Grünen, SPD und CDU haben das Verbot der Konferenz gefordert. "Für islamistische Extremisten haben wir in Deutschland keinen Platz", sagte [5] der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU kurz und knapp. Da mochte Bundesinnenminister Schily, der vor Tagen die Beachtung rechtsstaatlicher Prinzipien im nun wahrlich von Anschlägen betroffenen Israel anmahnte, nicht zurück stehen. In Berlin präsentierte er sich wieder als Mister Law and Order. "Ich werde alles daransetzen, dass ein solcher Kongress nicht stattfindet. Fundamentalisten und Hassprediger haben in Berlin nichts zu suchen", bekräftige Schily. Allerdings konnte er die Informationen, die die Vorwürfe eines islamischen Kongresses stützen, auch nicht präsentieren. Die Sicherheitsbehörden würden noch intensiv beobachten. Es sei noch nicht einmal eindeutig klar, ob die Konferenz ernsthaft geplant sei. Der Kongressort sei noch nicht bekannt. Einen formellen Antrag gebe es bislang nicht. Nun müsste auch Schily wissen, dass man in Deutschland Kongresse im Gegensatz zu Demonstrationen bislang nicht bei der Polizei anmelden muss [6]. Es gäbe andere Mittel die Veranstaltung zu unterbinden, erklärte Schily kryptisch. Einen Tag später wurde er präziser. Er will ausländische Teilnehmer an der Einreise hindern. Wenn sie als Grund ihres Aufenthaltes in Berlin den Kongress angeben, werde ihnen das Visum verweigert. Damit greift Schily auf eine Maßnahme zurück, die Anfang der 60er Jahre gegen Ostermarschierer und später auch gegen Kongresse der außerparlamentarischen Bewegung in Anwendung gebracht wurde. Nur welcher potentielle Kongressteilnehmer wird das noch bei derVisaerteilung angeben? Sind Einreisende aus dem arabischen Raum jetzt besonders verdächtig? Der in Berlin lebende Diplomingenier Gabriel Daher, der auf der Homepage als einer der Koordinatoren genannt wird, gab sich gegenüber Telepolis nicht sehr auskunftsfreudig. Erst Anfang nächster Woche will er mit einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit treten. Doch an einem Punkt äußerte sich Daher eindeutig "Der Kongress wird wie geplant stattfinden und wir werden weiter dafür werben.
Links
[1] http://www.anamoqawem.org/deutsch.html [2] http://www.wiesenthal.com/social/press/pr_item.cfm?ItemID=9858 [3] http://www.albasrah.net/index1.html [4] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,grossbild-389851-318161 ,00.html [5] http://www.rheinpfalz.de/perl/cms/cms.pl?cmd=showMsg&tpl=ronMsg.html&pat h=/ron/welt/deutsch&id=040914104055.cuuemnzt [6] http://www.tagesspiegel.de/fragen-des-tages/index.asp?gotos=http://archi v.tagesspiegel.de/toolbox-neu.php?ran=on&url=http://archiv.tagesspiegel. de/archiv/17.09.2004/1363456.asp |