Telepolis vom 25.11.2004Ziviler Ungehorsam im 21. Jahrhundert
Peter Nowak


Am Mittwochabend begann in Berlin das erste Media-Activist-Gathering -
5 Jahre Indymedia
Netzwarriors oder Cyberhippies, das waren nur zwei der
Begrifflichkeiten, die man sich am Mittwochabend im Berliner
Veranstaltungszentrum RAW Tempel merken musste. Dort fand die
Auftaktveranstaltung zum ersten bundesweiten Medienaktivistentreffen,
oder neudeutsch Media-Activist-Gathering [1] statt.
Der Anlass ist der fünfjährige Geburtstag von Indymedia [2], dem
derzeit größten internationalen Netzwerk der freien Medien (2001 wurde
das deutsche Indymedia gegründet: APO-Online: Die Opposition formiert
sich neu im Netz [3]). En Passant wird damit auch an ein Ereignis
erinnert, das sonst wahrscheinlich der Vergessenheit anheim gefallen
wäre: an die Proteste Ende November 1999 in Seattle. Damals gingen in
der nordamerikanischen Stadt Tausende Menschen auf die Straße, um gegen
die dort stattfindende WTO-Tagung zu protestieren. Mehrtägige
Auseinandersetzungen [4] brachten das offizielle WTO-Programm gehörig
durcheinander (Proteste in Seattle, London und im Internet [5],
WTO-Generaldirektor ärgert sich über eine Website [6]).
Mindestens bis zum Jahr 2001 war die Battle of Seattle [7] in aller
Munde: Man sprach von der Geburtsstunde einer neuen
globalisierungskritischen Bewegung, von der aktuell hauptsächlich die
Sozialforen [8] von sich reden machen. Doch weniger bekannt ist, dass
1999 nicht nur Zigtausende in Seattle auf der Straße waren. Noch viel
mehr Menschen auf der ganzen Welt hatten sich erstmals virtuell an den
Protesten beteiligt (Die "Electrohippies" kommen [9]). Die Homepages
der WTO und der sie tragenden Organisationen wurden erstmals virtuell
angegriffen (Virtuelles Sit-In gegenüber den WTO-Servern angeblich
erfolgreich gewesen [10]). Außerdem gründete sich während der Proteste
von Seattle das erste unabhängige Medienzentrum, um ein Bild sowohl
von den Protesten als auch von dem Agieren der Polizei zu liefern, das
nicht durch die Medien gefiltert wurde (Mit Websites gegen
Polizeiknüppel [11]). So war Seattle zwar nicht die Geburtsstunde, doch
aber ein erster wahrnehmbarer Höhepunkt des Onlineprotestes und des
Medienaktivismus.
Die ganze Bandbreite dieser Bewegung wurde am Mittwoch in
Filmbeiträgen vorgestellt. Auf der einen Seite sah man französische
Einzelhändler, die per Internet ihren Unmut über den geplanten Bau von
zwei Einkaufszentren ausdrücken wollen, durch die sie sich in ihrer
Existenz bedroht fühlten. Da waren die Schweizer Cyberpunks, die sich
mit ihrer Internetseite Etoy eine Schlacht mit dem Spielzeugriesen
Etoys lieferten und mit ihren gezielten Attacken schließlich in den
Konkurs trieben (Wie die Etoy-Kampagne geführt wurde [12]). Eine
Wiederholung wäre heute nicht mehr so einfach möglich. Denn längst
haben umstrittene Großorganisationen ebenso internationale Konzerne,
die das Ziel von Netzattacken werden könnten, ein Schutzsystem
aufgebaut, dass von findigen Aktivisten immer wieder durchlöchert
wird, für den Großteil der Nutzer aber unüberwindlich scheint.
Was die Medienaktivisten über die Tatsache hinaus eint, dass sie das
Internet zu ihrem Betätigungsfeld erkoren haben, blieb auch an dem
Abend offen. Vielleicht können sich die meisten auf die Formulierung
einigen, dass der Netzaktivismus die Weiterentwicklung der Politik des
zivilen Ungehorsams im 21. Jahrhundert ist. Doch schon über die Frage,
ob es eine Ergänzung oder ein Ersatz zu herkömmlichen Straßenprotesten
ist, gab es unterschiedliche Vorstellungen.
Manche Medienaktivisten beteiligen sich nur noch an Demonstrationen, um
mittels Laptop die neusten Berichte über das Protestgeschehen wie die
Polizeistrategien rund um die Welt zu posten. Nach Seattle gehört das
unabhängige Medienzentrum zum festen Bestandteil jeder größeren
politischen Aktion. Andere Medienaktivisten haben sich ganz von der
Straße zurück gezogen und pflegen nur noch ihr virtuelles Kampffeld.
Aktiviert der Medienaktivismus mehr Menschen oder fördert er eher die
Lethargie? Auch diese Frage kann einstweilen überhaupt nicht
beantwortet werden. Einerseits kann man sich mittels Indymedia weltweit
über Aktionen informieren, die es sonst nie in die größere
Medienöffentlichkeit gelangt wären. Im Minutentakt kann die
interessierte Öffentlichkeit an Räumungen von Häusern und an der
polizeilichen Auflösung von Protesten Anteil nehmen. Jeder kann dort
eigene Beiträge einspeisen. Doch zum größten Teil wird auch Indymedia
genutzt wie eine Zeitung. Man informiert sich, klickt zwischen den
einzelnen Meldungen hin und her, schreibt auch mal einen mehr oder
weniger sachlichen Kommentar. Anders als manche Netzaktivisten in den
Filmbeispielen erhofften, hat Indymedia nicht zu einer größeren
Einbeziehung von Menschen in die politische Debatte geführt. Genau so
wie im realen Leben ist auch in der virtuellen Welt die Zahl der
Aktivisten klein aber beharrlich.
5 Jahre Indymedia ist sicher eine gute Gelegenheit um manche
Blütenträume aus der Frühphase des Medienaktivismus zu begraben und
andererseits die realen Erfolge ebenso zu betonen und auszubauen. An
Gelegenheiten wird es in den nächsten Tagen in Berlin nicht fehlen. Am
Freitag gibt es eine Mag-Messe [13] und am Wochenende geht es auf
einer Open-Space-Konferenz [14] um die Vernetzung unabhängiger Medien.

LINKS

[1] http://mag04.mine.nu/de/
[2] http://germany.indymedia.org/
[3] http://www.telepolis.de/r4/artikel/7/7155/1.html
[4] http://www.nadir.org/nadir/initiativ/agp/free/seattle/gazette
[5] http://www.telepolis.de/r4/artikel/5/5543/1.html
[6] http://www.telepolis.de/r4/artikel/5/5547/1.html
[7] http://www.black-rose.com/seattle-wto.html
[8] http://www.fse-esf.org/
[9] http://www.telepolis.de/r4/artikel/5/5534/1.html
[10] http://www.telepolis.de/r4/artikel/5/5556/1.html
[11] http://www.telepolis.de/r4/artikel/8/8558/1.html
[12] http://www.telepolis.de/r4/artikel/5/5768/1.html
[13] http://mag04.mine.nu/de/messe.shtml
[14] http://mag04.mine.nu/de/openspace.shtml

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