Taz vom 1.7.04Mauern und pfeifen
IG BAU ruft auf, illegale Beschäftigung zu melden. Immigranten-Kampagne
protesiert dagegen
BERLIN taz Zwischen dem 1. Juni und dem 5. Juni könnten besonders viele
Mails und Telefonanrufe bei der Gewerkschaft IGBAU eingehen. Schließlich hat
sie unter dem Motto "Ohne Regeln geht es nicht" schon vor Wochen eine
Initiative der besonderen Art gestartet. Unter der gebührenfreien Rufnummer
(08 00) 4 42 2802 kann jedermann montags bis freitags von 7 bis 20 Uhr und
samstags von 9 bis 18 Uhr die Gewerkschaft erreichen und Hinweise auf
beobachtetes irreguläres Geschehen auf Baustellen geben.
Diese Meldungen werden auf Wunsch vertraulich behandelt, sollen abe die
Arbeit der Verfolgungsbehörden unterstützen. Meldungen per Mail seien unter
der Adresse
kontrolle@igbau.de möglich, heißt es auf der
Gewerkschaftshomepage. "Unsere Kampagne ,Ohne Regeln geht es nicht!', haben
wir vor dem Hintergrund von rund 330.000 arbeitslosen Bauarbeitern
gestartet, denen etwa 300.000 illegale Arbeitnehmer gegenüberstehen",
erklärte Dietmar Schäfers vom Bundesvorstand der IG BAU. "Es geht uns darum,
zu problematisieren, dass illegale Beschäftigung und Lohndumping reguläre
Arbeitsplätze vernichten." Die Zunahme einer Denunziantenmentalität sei
nicht zu befürchten, meint die Gewerkschaftszentrale. Man handle auch im
Interesse der illegalen Arbeitnehmer, denen man zu ihrem Recht verhelfen
wolle.
Das sehen einige Internetnutzer aus dem Umfeld der antirassistischen
Kampagne "Kein Mensch ist illegal" anders. Sie kreierten die Kampagne
"Meldestelle lahm legen" und rufen die "Kolleginnen und Kollegen der IG BAU"
zum sofortigen Stopp der Kampagne auf, die sie als "Denunziation von
illegalen Arbeitnehmern" klassifizieren. Stattdessen fordern sie
Mindestlöhne und Arbeitsschutzrechte für alle Menschen, unabhängig von ihrem
rechtlichen Status.
Doch die Initiative begnügt sich nicht mit diesen Appell. Vom 1. Juni bis
zum 5. Juni soll es eine Vielzahl von Protesten gegen die gewerkschaftlichen
Beschwerdestellen geben. Die Gewerkschaft soll durch massenhafte Proteste
dazu gebracht werden, von der Initiative Abstand zu nehmen. Einen
willkommener Nebeneffekt haben die Initiatoren dabei sicher nicht vergessen.
Sowohl der Telefonanschluss als auch die E-Mail-Adresse sollen in diesen
Zeitraum derart von den Kritikern in Anspruch genommen sein, dass etwaige
Meldungen über illegale Beschäftigungsverhältnisse auf den Baustellen gar
nicht erst durchkommen.
Von der IG BAU war keine Stellungnahme zu dieser Gegeninitiative zu
bekommen. In einem ersten Zwischenbericht zu ihrer Kampagne zog der
IG-BAU-Vorstand Ende April noch eine positive Bilanz. 140 geprüfte
Informationen über illegale Beschäftigung oder Schwarzarbeit seien
eingegangen. Insgesamt 400 Personen seien davon betroffen gewesen. " PETER
NOWAK

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